Berliner Großbaustellen : Abrissboom: Lieber sprengen als sanieren

Berlin will schöner werden und lässt dazu die Abrissbagger rollen. Nicht einmal der Denkmalschutz kann das verhindern.

Alexander Budweg
Freie Sicht. Wo das denkmalgeschützte Magazin der Staatsoper stand, klafft jetzt eine Baulücke. Foto: Mike WolffAlle Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
12.12.2011 11:54Freie Sicht. Wo das denkmalgeschützte Magazin der Staatsoper stand, klafft jetzt eine Baulücke.

Zentimeter für Zentimeter arbeiten sich die Abrissbagger vor. Immer tiefer dringen ihre scharfkantigen Zangen in das Haus an der Bachstraße und reißen den Beton von seinem Stahlgerüst, als sei es Papier. So wie dem einstigen Verwaltungssitz der evangelischen Kirche im Hansaviertel ergeht es derzeit mehreren vermeintlichen Architektursünden der sechziger und siebziger Jahre. Anderen droht die Abrissbirne. Der Grund ist einfach: Sie sind marode, unfunktional, schlicht nicht mehr zu gebrauchen.

Doch nicht nur ausgedienten Bürohäusern geht es ans Fundament. Berlins Bezirksämtern sind mehr als 50 Stellen bekannt, an denen derzeit Alt für Neu weichen muss. Die Liste reicht von Wohnhäusern über Supermärkte bis hin zu Industrie- und Gewerbehallen. Allein in Steglitz-Zehlendorf werden 25 Gebäude – zumeist Einfamilienhäuser – abgerissen. Die genaue Anzahl kennen aber weder Bezirksämter noch Senatsverwaltung. Seit der Reform des Berliner Baurechts 2005 sind Abrisse erst ab zehn Metern Höhe anzeigepflichtig. Genehmigt werden muss nur noch, was gefährlich sein könnte oder in Sanierungs- und Milieuschutzgebieten stattfindet. Die ehemalige Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) feierte die Neuregelungen einst als Bürokratievereinfachung. Mancher Baustadtrat beklagt hingegen: „Mittlerweile darf jeder abreißen, wie er lustig ist.“

Architektonische Altlasten haben vor allem in begehrten Lagen schlechte Zukunftschancen. „Freie Grundstücke in Citynähe sind begrenzt, also stürzen sich Investoren auch auf den Gebrauchtmarkt“, sagt Katja Giller, Wertermittlerin beim Berliner Immobilienverband IVD. Eine mögliche Umnutzung der vorhandenen Räume werde zwar fast immer geprüft, doch seien umfangreiche Modernisierungen nicht immer die billigste Variante. „Neue Architektur ist sowohl energetisch als auch funktional gesehen häufig attraktiver, was sich letztlich auf die Rendite eines Gebäudes auswirkt“, so die Expertin des IVD.

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