Berliner Hauptbahnhof : Der Streik und ein ganz neues Bahnhofsgefühl

Der Hauptbahnhof ist am Morgen des Bahn-Streiks so leer wie zuletzt kurz vor der Eröffnung. Die meisten Kunden hatten sich auf die Ausfälle eingestellt, nur wenige Reisende standen ungläubig vor den Anzeigetafeln.

Fredy Gareis

BerlinDen Kopf ins Genick geworfen, schauen die Leute auf die Anzeigentafel, gleich am Eingang des Berliner Hauptbahnhofs. Fassungslos, als würde Deutschland gerade ein WM-Spiel verlieren. Ein Herr um die 70 filmt die Anzeigen der ausgefallenen Züge mit einer Digitalkamera. "Zwei Stunden, Zug fällt aus, Zug fällt aus", murmelt er. 40 Jahre lang sei er Eisenbahner gewesen. Offenbar ist dies für ihn ein bedeutender Moment. Der Mann sagt, irgendwann gucke er sich das Video mit seinem Enkel an.

Der Hauptbahnhof, sonst Kathedrale der Bahn, ist an diesem Morgen eher eine Kapelle der Stille. Die meisten Bahnfahrer sind offenkundig den Warnungen vom Vortag gefolgt. Sie sind mit dem Auto gefahren, dem Taxi, dem Fahrrad oder dem Tretroller. Oder haben den Wecker auf ein paar Stunden später gestellt. Denn bundesweit hat der Streik den Pendlerverkehr in Großstädten lahmgelegt, zumindest den auf der Schiene. Hunderttausende hängen fest, oft stundenlang verspätet. In Berlin, in Hamburg, in Hannover, in Frankfurt am Main, in München. In Berlin, an den Haltestellen der Busse und Bahnen entstehen Menschenballungen , wie sie sonst selbst am Alexanderplatz unüblich sind. Viele müssen wegen der vollen Züge auf die nächste Bahn warten oder die übernächste oder die überübernächste. Auf den Straßen gibt es Staus, die sich erst nach Stunden auflösen. Die Furcht, der gesamte Innenstadtverkehr könnte zusammenbrechen, ist immerhin unbegründet.

Auf dem Hauptbahnhof ist es zwischen fünf und acht Uhr wie in alten Hollywoodfilmen, in denen der Hauptdarsteller aufwacht und feststellt, dass niemand mehr da ist, und dann durch die Stadt rennt und immer wieder schreit: Hallo? HALLO? Für die, die sich das alles immer noch nicht erklären können, tönt aus den Bahnhofslautsprechern der wertvolle Tipp: "Wegen Arbeitskampfmaßnahmen kommt es zu Behinderung im Personenverkehr. Bitte informieren Sie sich...". Die Stimme bleibt dabei ganz ernst.

"Diese Bahn!"

Gelegentlich fährt doch ein Zug. Dann stehen am Gleis die Streikposten, die sich eine Plastikfolie mit Aufschrift GDL, Gewerkschaft der Lokführer, übergezogen haben. Es sei sinnlos, wenn dieser Zug fahre. "Da wird dann ein anderer das rote Signal reinhauen, und dann ist Schluss." Zackig sagt der Streikposten das, und es passt so schön zu seinen Armen, die er hinter dem Rücken verschränkt.
Es gibt sie zwar, die Reisenden, die unbedingt zu einem Termin müssen, hektisch telefonieren, durch die Fluchten hetzen und vor sich hin fluchen. Diese Bahn! Doch sie sind in der Minderheit. In den Cafés und auf den Bänken schlummern sie in den Tag hinein.

Nach neun Uhr werden sich die Lautsprecherdurchsagen überschlagen, werden die Züge ein- und ausfahren, und die Hektik wird wieder diese Hallen bestimmen. Jetzt nicht. An Gleis 7 etwa, diesem ewig langen Gleis 7, ist niemand. Bis auf eine junge Polizistin und eine ältere Dame. Sie warten auf den Zug nach Hamburg. Sie kommen ins Gespräch. Über den Streik, die Arbeit, die Vorzüge des Strickens. Und wenn der Zug endlich kommt, fahren sie vielleicht gemeinsam und reden weiter. "Wie Frauen halt so sind", sagen sie.
Draußen vor dem Eingang schwatzen die Männer, Taxifahrer. Das große Streikgeschäft machen sie nicht. "Uns wäre es lieber, wenn die Bahn den Streik nicht angekündigt hätte. So ist das nüscht."

Das scheinen nicht alle so zu sehen. Die Benzinpreise sind über Nacht gestiegen, für Super um bis zu sieben Cent pro Liter, was den europäischen Automobilclub auf den Plan ruft. Die Preise, kritisiert ein Sprecher, lägen nun knapp unter dem Jahreshöchststand im Mai.

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