• Berliner Hotelgäste werden beim Rennen an die Hand genommen - und Treffen mit etwas Glück Joschka Fischer

Berlin : Berliner Hotelgäste werden beim Rennen an die Hand genommen - und Treffen mit etwas Glück Joschka Fischer

Kerstin Kohlenberg

Wollten Sie - zu Besuch in Berlin - neben Reichstag, Alexanderplatz und Friedrichstraße, nicht auch immer schon mal Joschka Fischer beim Joggen beobachten? Sich sogar an seine Fersen heften? Dazu müsste man sich allerdings ein wenig im Tiergarten auskennen. Oder aber einen kundigen Führer haben. Seit gestern gibt es ihn. In sechs Sprachen kann man mit ihm reden, in vier kann er antworten.

Um halb acht stand dieser Führer gestern mit seinen Vereinskollegen vom SCC-Berlin an der Siegessäule und wartete. Auf die Hotelgäste, die Lust hatten, mit ihm durch den Tiergarten zu joggen. Zu erkennen war John Kunkler an dem Schlüssel, den er sich an den Schnürsenkel gebunden hatte. Alter Profi-Trick. Denn in der Hand halten nur Anfänger den Schlüsselbund, und aus den kleinen dünnen Netz-Täschchen vorne in den Jogginghosen, da kann er viel zu leicht raushopsen. Und dann steht man da, verschwitzt, und mit roten Bäckchen vor dem verschlossenen Auto. Und die ganze gute Endorphin-Laune ist flöten.

Guter Tipp, das mit dem Senkel, aber die Hotelgäste, die gestern Morgen um halb acht an der Siegessäule auf die Jungs vom SCC-Berlin trafen, konnten darüber nur müde lächeln. Im Estrel, im Adlon, im Four Seasons, na eigentlich in jedem normalen Hotel, gibt der Business-Jogger seinen Schlüssel einfach an der Rezeption ab.

Um viertel vor acht ging es dann richtig los. Die Schlüsselmenschen (man hatte es hier offensichtlich ausschließlich mit Profis zu tun) starteten mit den Hotelmenschen zum Lauf durch den Tiergarten. 30 Minuten oder eine Stunde, je nach Kondition und Terminplan. Wer will kann das in Zukunft vier Mal die Woche machen. An den DDSS-Tagen: Dienstag, Donnerstag, Sonnabend, Sonntag. Start immer an der Siegessäule.

Der Laufbeginn schien auf den ersten Beobachter-Blick völlig problemlos: Kein Gedränge, keine Stürze, keiner von den sieben Läufern wurde behindert. Erst nach einigen Kilometern stellte sich heraus, dass John Kunkel seinen Pullover an der Siegessäule hatte liegenlassen. Nach kurzem Zögern entschied er sich jedoch für das Team und gegen sein Eigentum. Das Feld teilte sich jetzt in zwei Blöcke auf. Vorne der SCC, hinten die Hotelmenschen. An der ersten Ampel schloss der zweite Block dann wieder auf. Die ersten Schweißtropfen rollten in die Augenbrauen. Stephan Schwenk aus Nürnberg hat Joschka Fischer schon mal joggen sehen, sogar Bill Clinton hat er ganz frühmorgens schon laufen sehen. Aber immer alleine. Viel schöner sei es aber, in einer Gruppe zu joggen. Ist unterhaltsamer, sagt Schwenk. "Da kann man reden und lernt vielleicht sogar ein paar nette Leute kennen." Drei bis vier Tage in der Woche wohnt er im Hotel Estrel in Neukölln. Ein Business-Jogger eben. Wie die meisten seiner Kollegen. Anja Fuhrbrink gehört auch dazu. Sie arbeitet beim Radio und will in diesem Jahr ihren ersten Marathon laufen. In Berlin. Viele Hotels, in denen sie wohnt, bieten auch schon einen Laufservice für die ortsunkundigen Jogger an. Aber der beschränkt sich in der Regel auf ein extra Handtuch und einen Stadtplan.

"Es ist grün", ruft Kunkler und die Gruppe quert die Entlastungsstraße. Kunkler ist gebürtiger Holländer und gesteht dem Tiergarten beinahe-holländische Jogging-Verhältnisse zu, denn "Holland ist zum Laufen das allerbeste Land." In zwei Stunden und 31 Minuten hat er einst den Berlin-Marathon geschafft. "Damit war ich unter den besten Hundert. Einen Marathon habe ich gewonnen. In Magdeburg. Vor 20 Zuschauern."

Mittlerweile haben sich wieder zwei Gruppen gebildet. Aber nicht wie üblich beim Marathon, vorne die Bleistifte und hinten die Radiergummi, sondern in Interessensgruppen. Hinten spricht man übers Laufen, vorne über Jazz. Denn John Kunkler managed nebenbei seinen eigenen Jazz Club.

Der Tiergarten ist noch sehr ruhig. Aus den Mülltonnen quellen die Dosen, und langsam wachen die Stadtstreicher in ihren dicken Decken auf. Joschka ist dagegen in keiner Ecke zu sehen. "Von dem sieht man sowieso so gut wie nix", beruhigt Stephan Schwenk die Truppe. "Der ist völlig eingekeilt von seinen Bodyguards." Damit verabschiedet er sich kurz vor dem Ziel von der Gruppe, denn zum Estrel ist es von hier aus etwas kürzer. John Kunkel führt den Rest bis zur Siegessäule zurück. Wo sein Pullover noch friedlich über der Mauer hängt.

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