Berliner Hotelier sattelt um : Das verrückteste Flüchtlingsheim der Welt

In der Propeller Island City Lodge können Gäste bisher in ungewöhnlichem Ambiente nächtigen. Jetzt sollen Flüchtlinge einziehen.

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Ungewöhnlicher Schlafen. Die Propeller Island City Lodge in Wilmersdorf bietet einzigartige Zimmer.
Foto: Lars Stroschen

Ein Kunstobjekt in Wilmersdorf, das vor Jahren auch in internationalen Medien gern als „verrücktestes Hotel Deutschlands“ bezeichnete wurde, steht vor dem Umbruch. Voraussichtlich bis Ende Oktober können Logiergäste noch in einem Sarg schlummern oder ihr Haupt in einem „fliegenden Bett“ aufs Kopfkissen legen. Dann will der Eigentümer und Betreiber der künstlerisch ausgestalteten Herberge auf den Etagen eines Altbaus in der Albrecht-Achilles-Straße Flüchtlinge einziehen lassen. „Welcome refugees, space available soon“, inseriert sein signalrotes Plakat im Fenster eines leerstehenden Ladengeschäfts neben dem Hoteleingang. Und damit auch die Nachbarn der „Propeller Island City Lodge“ verstehen, worum es geht, wird ergänzt: „Jetzt ist es so weit! Hier entsteht ein Heim für Flüchtlinge.“

Das Hotel mit 27 Zimmern auf drei Etagen soll also künftig nicht mehr kunstsinnige Touristen mit Hang zu schrägen Nachtlagern beherbergen, sondern Platz bieten für „multikulturelle-kinderfreundliche Wohngemeinschaften“ – so wird annonciert – „für etwa 30 Familien auf ca. 1500 Quadratmetern“.

Das Zimmer "Gruft" bietet einen Sarg

Wer in diesen Tagen zum Beispiel noch die „Gruft“, das Zimmer mit Sarg, buchen will, kann weiterhin eine Anfrage starten. Nur online oder per Fax. Die Homepage propeller-island.de ist voll funktionstüchtig. Wer jedoch vor der verschlossenen Hoteltür steht – Zugangscode nur für Gäste –, keine Reaktion auf Klingelzeichen erfährt und dann durch die Scheiben des eher düsteren Erdgeschosses in die zum Hotel gehörende „Gallery“ blickt, sieht nicht viel.

Propeller Island City Lodge
"Propeller Island" war eine Band des Inhabers und steht nun für ein ganz besonders eingerichtetes Hotel.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Lars Stroschen
08.08.2016 15:18"Propeller Island" war eine Band des Inhabers und steht nun für ein ganz besonders eingerichtetes Hotel.

Fragen wir mal ein paar Schritte weiter, Paulsborner 10, ein Kiosk. „Ist das Propeller Island um die Ecke eigentlich noch in Betrieb?“ Die Frau hinterm Tresen schaut etwas misstrauisch. „Wie meinen Sie? Wollen Sie dort übernachten?“ – „Nein, äh, jemanden treffen.“

Nun kommt die Frau hinterm Tresen vor, tritt auf den Bürgersteig und verschränkt die Arme. „In Betrieb? Ja und nein. Ich weiß nicht genau. Herr Stroschen erzählt ja nicht alles. Aber er will wohl Asylanten in seinen Wohnungen unterbringen, damit er auf sein Geld kommt. Und um uns zu ärgern.“ Einiges deutet darauf hin, dass die Zeitungshändlerin selbst nicht in Deutschland geboren ist. „Er wohnt ja hier“, sie zeigt auf ein Klingeltableau am Haus, „drücken Sie, dann erfahren Sie vielleicht, ob das Hotel noch geöffnet ist.“

Das Eingangsschild verspricht ein Gesamtkunstwerk

Schade, Lars Stroschen ist nicht daheim. Der Mann ist Künstler, „Artist“, wie der Internetseite des Hotels zu entnehmen ist: 1961 in Berlin geboren, 1981 bis 1987 Studium an der Hochschule der Künste, zudem Fotograf und Grafiker. Vor allem als Kompositeur und Produzent elektronischer Musik hat er sich offenbar in der Szene einen Ruf gemacht, Künstlername: Propeller Island. Naheliegend, dass er für sein im Dezember 1997 eröffnetes Gästehaus seinen Künstlernamen nutzte. Schließlich ist er telefonisch zu erreichen. Er erwartet uns in seinem „Gesamtkunstwerk“, wie das Eingangsschild verspricht.

Lars Stroschen will künftig Flüchtlinge in seinem Hotel unterbringen.
Lars Stroschen will künftig Flüchtlinge in seinem Hotel unterbringen.Foto: Marie Galinsky

Die „Propeller Island City Lodge“ besteht zunächst nur aus drei Zimmern seiner großen Altbauwohnung. Die Nachfrage aus aller Welt ist riesig. Folgerichtig geht Stroschen den zweiten Schritt und kauft 1998 das seit Jahrzehnten im Haus beheimatete „Hotel Steiner“, das ihm der Eigentümer anbot. Zwei Millionen D-Mark zahlt Stroschen nach eigenen Angaben für das Hotel.

2001 ist es soweit: Die ersten drei Etagen werden eröffnet

Und macht sich ans Werk. Im Juni 2001 ist es dann soweit: Die ersten beiden von drei Etagen der City Lodge werden eröffnet, ein gutes Jahr später erfolgt die „erfolgreiche Bauabnahme und Eröffnung der noch fehlenden 3. Etage“. Jedes Zimmer ein Unikat, nach genauen Plänen des Künstlers aus ganz unterschiedlichen Materialien gestaltet, wobei Holz, oft aus Abrisshäusern, überwiegt. Viel bewundert, gelobt und – nicht zuletzt – gut gebucht. „Das hat Spaß gemacht“, sagt Stroschen. „Meine Vision vom Kunsthotel habe ich ganz konsequent umgesetzt.“ Bis zum bitteren Ende?

Hotels in Unterkünfte für Flüchtlinge umzuwandeln, ist keine neue Idee. Sie steht oft in engem Zusammenhang mit Geld. Schnellem, sicheren Geld bei vergleichsweise geringem Aufwand und wenig Risiko. Schließlich ist die neue Gästeklientel zunächst einmal froh, abseits von Massenquartieren ein Dach über den Kopf zu bekommen. Der Klassiker also auch in der Albrecht-Achilles-Straße 58? „Klar, Geld spielt immer eine Rolle, ist aber nicht alles“, sagt Lars Stroschen.

Ihm sei der Spaß vergangen, sagt der Betreiber

Ihm sei aber vor allem der Spaß vergangen, sagt der hochgewachsene Mitfünfzigerer. „Bis 2009 lief alles super, wir fingen gerade an, mit dem Hotel schwarze Zahlen zu schreiben, dann begann aller Ärger.“ Stroschen glaubt, mit dem florierenden Übernachtungsbetrieb auf 1500 Quadratmeter Altbausubstanz in Ku’damm- Nähe habe er in einem heiß laufenden Berliner Immobilienmarkt Begehrlichkeiten geweckt. Es gab Kaufanfragen, zum Teil mit einem Unterton, der als „Drohung interpretiert werden könnte“.

Grafik: Gitta Pieper-Meyer

Das habe ihn jedoch überhaupt nicht interessiert. Dann traten „ominöse Herrschaften“ auf, die anderen Eigentümern im Haus völlig überzogene Preise für ihre Wohnungen zahlten. Die jährlichen Eigentümerversammlungen entwickelten sich zu „Horrorveranstaltungen“. Zwar gehört ihm fast die Hälfte der verfügbaren Wohnfläche in dem großen Haus, doch die Mehrheit bei den Abstimmungen hat er nicht. „Ich habe auch keine Verbündeten“, sagt er. Nach seiner Ansicht stehe er, der das Feld nicht räumen will, einer Gesamtübernahme des Hauses durch einen potenten Investor im Wege, durch den sich andere Eigentümer den großen Reibach versprechen. Es gebe auch bereits ein gewisses Maß an Leerstand im Haus. „Ich vermute, es gibt Spekulanten oder so, die mich raushaben wollen. So nahe am Ku’damm ist eben eine begehrte Lage.“

Schon öfter wurde das Motorrad beschädigt

Anders könne er es sich nicht erklären, dass sein Motorrad schon öfter beschädigt worden sei oder von ihm im Keller gelagerte Bilder zerstört wurden. Die „Nadelstiche“ nähmen ständig zu. Daran, dass die Miteigentümer vom Hotelbetrieb genervt sind, könne es nicht liegen, schließlich sei vor dem „Steiner“ auch schon ein anderer Hotelbetrieb (das „Rio“) im Haus gewesen.

Gewiss, auch das Hotel laufe nicht mehr so wie noch vor ein paar Jahren. „Als ich neu eröffnet hatte, war der Laden über Jahre in den Medien, vor allem auch in Reiseführern“, sagt Stroschen. „Doch der Effekt nutzt sich ab, zudem gibt es heute eine ganze Reihe ähnlicher Häuser.“ Also doch aufgeben? „Ich sehe keine andere Lösung. Nach dem heutigen Stand der Dinge schließen wir Ende Oktober, dann nehme ich mir etwas Zeit zum Nachdenken.“

Den Gedanken an ein Museum habe er bereits verworfen. „Hier ist keine Laufgegend dafür.“ Eines allerdings sei sicher: Verkaufen werde er nicht. Was soll mit den Zimmern, also den Kunstunikaten geschehen? „Die lassen sich nicht abbauen. Das wäre viel zu aufwendig. Die bleiben drin.“ Auch wenn Flüchtlinge einziehen? „Ja klar. Das geht nicht anders. Außerdem sind das ja keine Vandalen. Für die meisten von ihnen wird das zwar sehr ungewöhnlich sein, und die üblichen Gebrauchsspuren werde ich in Kauf nehmen müssen.“

Was sagen die Behörden, etwa die Bauaufsicht oder das Landesamt für Flüchtlinge? „Da gab es bisher nur oberflächlichen Kontakt. Ich sehe auch kein Problem bei dem Plan, Flüchtlinge einziehen zu lassen.“ Mit den Flüchtlingen wolle er nicht das große Geschäft machen, wie ihm schon unterstellt werde. Er sehe seinen Plan eher als ein Statement. „Ich werde hier vertrieben, also können statt meiner hier Flüchtlinge einziehen.“

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