Berliner Jahresrückblick : Was sonst noch bewegte

Der Tod der Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig, Ideen für das stillgelegte Flughafengelände in Tempelhof, ein abgestürzter Rosinenbomber und Archäologie am Roten Rathaus - was 2010 noch brachte für Berlin.

von , und Sandra Daßler
Nahm sich im Sommer 2010 das Leben: Die Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig, bekannt geworden durch das "Neuköllner Modell" und ihr posthum veröffentlichtes Buch "Das Ende der Geduld".
Nahm sich im Sommer 2010 das Leben: Die Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig, bekannt geworden durch das "Neuköllner Modell"...Foto: ddp

DER FUND AM RATHAUS

Dass Archäologen das Erdreich vor dem Roten Rathaus untersuchten, war Routine: Bei jeder Baumaßnahme in Mitte ist das so, also auch beim geplanten neuen U-Bahnhof. Dass sie dann aber die Grundmauern der Tuchhalle im Alten Rathaus freilegten, Pfennige aus Ostpreußen und mittelalterliche Krüge, als Porzellan aus der Jahrhundertwende und sogar Skulpturen der Moderne zum Vorschein kamen, überraschte das selbst die Experten. Im Abgeordnetenhaus gab es ein Votum für die Erhaltung möglichst aller gotischen Gemäuer. „Ich bin sicher, dass wir die dafür nötigen Mittel in die Hand nehmen“, verkündete Städtebausenatorin Ingeborg Junge-Reyer. Der Regierende Bürgermeister hatte kurz zuvor im Alten Museum die Skulpturen der Klassischen Moderne vorgestellt, die man im Erdreich geborgen hatte. Die Nazis hatten diese Meisterwerke konfisziert und in der Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ verfemt. Danach versteckte wohl der Steuerberater Erhard Oewerdieck die Stücke. Er verbarg auch seinen jüdischen Angestellten, den er so vor dem Zugriff der braunen Schergen rettete.

TEMPELHOF LEBT

Die letzte Landung auf dem Flughafen Tempelhof erfolgt am 26. Juni. Da ist der Airport schon lange geschlossen. Es droht eine Katastrophe. Die viersitzige Sportmaschine sinkt zu Boden, zwischen Skatern und Skateboardfahrern, zwischen Spaziergängern und Joggern. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt. Gut einen Monat nach der Öffnung der „Tempelhofer Freiheit“ für alle Berliner ist der Protest längst verstummt, der am ersten Tag gegen den neuen innerstädtischen Park und gegen geregelte Schließzeiten des 300 Hektar großen Areals aufblitzte. Gefeiert wurde die Eröffnung des neuen Volksparks den ganzen Sommer über, je nach Gemüt am Grill oder mit Picknickkorb, es wurde gejoggt, geradelt oder gesurft – und nun gleiten die Langläufer durch die Loipen.

Schon jetzt beliebt bei Freizeitsportlern: Das Gelände des stillgelegten Tempelhofer Flughafens.
Schon jetzt beliebt bei Freizeitsportlern: Das Gelände des stillgelegten Tempelhofer Flughafens.Foto: dapd

ROSINENBOMBER STÜRZT AB

Den 19. Juni feiern viele der 28 Passagiere künftig als zweiten Geburtstag: An diesem Tag stürzten sie mit dem Rosinenbomber in Schönefeld ab. Nach Triebwerksausfällen legten die Piloten auf der BBI-Baustelle eine Bruchlandung hin. Sieben Menschen wurden leicht verletzt. Das Wrack wird vom Bundesluftfahrtamt untersucht – und soll zum Start des BBI wieder in die Luft gehen. Der Förderverein Rosinenbomber will die 1944 gebaute Douglas DC 3 vom Planinsolvenzverwalter der Betreiberfirma Air Service Berlin abkaufen. Flugfans aus aller Welt wollen den Aufbau des Luftbrückenfliegers unterstützen.

DER TOD DER KIRSTEN HEISIG

„So jemand bringt sich doch nicht um!“ Mit diesen Worten kommentierte ein erschütterter Neuköllner Bezirksbürgermeister die Nachricht vom Freitod der Jugendrichterin Kirsten Heisig. Heinz Buschkowsky war nicht der Einzige, der unter Schock stand, als die Leiche der 48-Jährigen nach tagelanger Suche im Tegeler Forst gefunden wurde. Die in Krefeld geborene Juristin war deutschlandweit als Initiatorin des sogenannten Neuköllner Modells bekannt geworden. Ein enges Zusammenwirken von Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendämtern und Gerichten soll ermöglichen, dass Jugendliche bei kleineren Delikten innerhalb von drei bis fünf Wochen verurteilt werden. Diese vereinfachten Jugendstrafverfahren werden seit Juni 2010 überall in Berlin durchgeführt, um junge Menschen vor einer kriminellen Karriere zu bewahren. Heisig ging nach Feierabend oft auch zu den Eltern schwieriger Schüler, um ihnen klarzumachen, wie wichtig Bildung für ihre Kinder sei. Da sie ähnliches Engagement von anderen forderte, hatte sie auch innerhalb der Justiz nicht nur Freunde. Ihr posthum erschienenes Buch „Das Ende der Geduld“ wurde zum Bestseller. Vorschläge und Forderungen, die sie dort erwähnt, werden seit Monaten kontrovers diskutiert. Einiges – wie ein Heim für kriminelle Jugendliche in Berlin – soll jetzt umgesetzt werden. Die Umstände des Todes von Kirsten Heisig, die unter starken Depressionen litt, führten zu zahlreichen Verschwörungstheorien.

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