Berliner Jazz zum Mitwippen : Lebensmotto „voll uff Swing“

Bleibe gesucht: Andreas Hofschneider und sein Quintett lassen die goldene Ära der Swingsessions in Hotelbars wieder aufleben.

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Klarinettist Andreas Hofschneider und seine Band (o.)haben sich ganz dem Stil des King of Swing, Benny Goodman, verschrieben. Goodman (u. vo.) mit Band 1937 im „Madhattan Room“ des New Yorker Pennsylvania Hotels.
Klarinettist Andreas Hofschneider und seine Band (o.)haben sich ganz dem Stil des King of Swing, Benny Goodman, verschrieben....promo/Archiv life

Warum nicht mal wie einst Benny Goodman in Hotelsalons oder in der Bar mit Piano und Klarinette, mit Schlagzeug und Vibrafon loslegen? Auf musikalische Zeitreise gehen, mitten in Berlin? Die Stimmung beswingt, geradeso wie im legendären Film „Hollywood-Hotel“ von 1937. Die Musiker in Session-Laune, locker drauf, ohne festes Programm auf dem Notenständer. Es ist ja eine öffentliche Probe, ein Spaß fürs Publikum und die Band, einmal wöchentlich, Eintritt frei, ein Hut geht herum.

Der King of Swing der 30er Jahre, Benny Goodman, hat dieses entspannte musikalische Vergnügen in New York und Chicago zur Legende gemacht. Danach war es Musikgeschichte. Doch seit mehreren Jahren setzt sich der Berliner Bandleader und Klarinettist Andreas Hofschneider für solche regelmäßigen Hotelevents mit Bennys Herzschlagmusik in seiner Stadt ein. Zurzeit hält das Andreas Hofschneider Swing-Quintett Ausschau nach einer neuen geeigneten Herberge. Motto: „Swingband sucht Hotel ... wir bringen den Laden in Schwung.“

Beswingt auf Zeitreise

Hofschneider kramt in seiner Wilmersdorfer Wohnung im CD-Regal und wird rasch fündig. „Hier, eine Original-Rundfunkaufnahme von 1937 im Madhattan Room des New Yorker Pennsylvania Hotels.“ Der 58-Jährige kommt in Fahrt, schiebt die CD in den Player, ist jetzt „voll uff Swing“. Bennys Klarinette trillert, federt, bebt, spielt Klassiker zum Mitwippen: „Let’s dance“, „If Dreams come true“, „All of Me“ – und natürlich: „Sing, sing, sing, everybody start to swing ...“

„Das waren tolle Abende“, schwärmt Andreas Hofschneider, „zum Swing passte die Atmosphäre der Hotels, deren Weltoffenheit. Hier fühlte sich Goodman wohl.“ Das 1919 eröffnete Pennsylvania gehörte zu den größten Luxusherbergen der Welt. Das Congress Hotel in Chicago stand dem kaum nach, dort spielte Goodmans Band im Urban Room, NBC machte daraus 1935 eine Radio-Show. „Mal reinhören?“, fragt Hofschneider. Die ersten „Blue Skies“-Rythmen schweben durchs Zimmer, animieren zum Mitwippen.

promo/Archiv life

Der schlanke Berliner Klarinettist mit den kreisrunden Brillengläsern hat sich vor etlichen Jahren in den musikalischen Stil des King of Swing verliebt. Seine Fans nennen ihn längst den „Benny Goodman von Berlin“. Schneeweißes Jacket, schwarze Fliege, so steht er auf der Bühne. Er hat Goodmans historische Aufnahmen Ton für Ton auf Notenblätter übertragen, was zuvor kaum geschah, schon gar nicht für Soli und Improvisationen. Inzwischen gehört das Hofschneider-Quintett mit Michael Wirth am Schlagzeug, Roland Neffe am VibraFon, Kontrabassist Michael Waterstradt, Andrej Hermlin oder Stan Juraschewski am Piano und Bandleader Hofschneider zu den bundesweit sowie international gefragtesten Swing-Bands.

Neue Swing-Stätte gesucht

Von 2011 bis 2013 konnte das Quintett bereits seinen Traum von einer regelmäßigen Session im Hotel-Salon verwirklichen: im legendären „Bogota“ an der Schlüterstraße in Charlottenburg. Rasch avancierte ihre öffentliche Probe zum Kult. Nachdem das Bogota schließen musste, fanden sie eine Bleibe im gründerzeitlichen Residenz-Hotel an der Meinekestraße, doch auch hier mussten sie vor einem Jahr Abschied nehmen, weil das Residenz modernisiert und umbenannt wurde und das neue Management mit Swing wenig anfangen konnte. Seither ist das Quintett auf der Suche nach einer Herberge mit passendem Ambiente und aufgeschlossenen Chefs. Hofschneider ist optimistisch.

Die Odyssee, sagt er, kommt zum guten Ende. „Dann swingen wir los und machen den Laden voll!“

Die nächsten Auftritte Auftritte: 2. Juni, 21 Uhr, Radialsystem, Holzmarktstraße 33; am 6. und 13. Juni, 20 Uhr, Hostelschiff Eastern Comfort an der Oberbaumbrücke in Friedrichshain. Mehr Infos: www.andreas-hofschneider.de

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