Berlin : Berliner Juden besorgt über Anfeindungen

Gemeinden rufen heute zu Toleranzgebet auf

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Die Situation für Juden in Deutschland wird nach Ansicht von Vertretern jüdischer Organisationen „offensichtlich gefährlicher“. Wie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, und Rabbiner Yehuda Teichtal von der orthodoxen Gruppierung Chabad Lubawitsch gestern gemeinsam erklärten, sei die internationale Gemeinschaft über die Eskalation antisemitischer Taten beunruhigt. Für heute riefen die Jüdische Gemeinde und Chabad Lubawitsch zu einem Toleranz- und Solidaritätsgebet auf.

Erwartet werden unter anderem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Innensenator Ehrhart Körting (SPD), der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, und Vertreter des diplomatischen Corps. Mit dem Gebet soll nach dem Wunsch der Initiatoren ein Zeichen für Toleranz und Völkerverständigung gesetzt werden, um eine positive Zukunft für alle Menschen zu sichern.

Jüdisches Leben sei in Berlin leider immer noch nicht so normal wie beispielsweise in New York, sagte der frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Andreas Nachama. Das gelte jedoch auch für andere europäische Metropolen. Ein Grund sei, dass der Nahost-Konflikt zunehmend in Europa ausgetragen werde. Zugleich gebe es Antisemitismus aber auch „aus der Mitte der deutschen Gesellschaft heraus“. Gideon Joffe hat deshalb angeregt, alle Nicht-Juden sollten doch einmal mit einer Kippa (jüdische runde Kopfbedeckung) auf die Straße gehen, um nachzuempfinden, welchen Anfeindungen Juden im Alltag ausgesetzt seien.

Auf der Internetseite des Tagesspiegels hat dieser Vorschlag heftige Diskussionen ausgelöst. Mehrere Leser berichten dort von eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung und äußerten Zustimmung für die Idee.

„Ich habe früher selbst immer eine Davidstern-Kette getragen und wurde deswegen mehrmals beschimpft“, berichtet ein Leser. „Ich fände es gut, wenn auch Nicht-Juden mal sähen, wie es sich anfühlt als offen erkennbarer Jude.“

Ein anderer Diskussionsteilnehmer schreibt: „Ich trage ständig eine Kippa, auch am Arbeitsplatz, wo ich damit überhaupt keine Probleme habe. Auf der Straße ziehe ich aber seit Jahren eine Mütze darüber – nicht nur in Deutschland. Wenn ich beruflich in anderen Ländern Europas unterwegs bin, trage ich die Kippa ebenfalls nicht offen, weil einem auch in Belgien oder Frankreich aggressive Reaktionen entgegenschlagen können.“ ddp/mho

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