Berlin : Berliner Juden: Der Mythos von der Toleranz

Alexander Pajevi¿c

Auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee findet sich nahe dem Eingang ein unscheinbarer Grabstein: "Hier ruht unser heißgeliebtes Kind Alfred Deutschland", lautet die auf die 1879 datierte Inschrift. In der Gründerzeit hatten viele Juden aus überschwänglichem Patriotismus ihre Namen ändern lassen.

"So ein Grabstein sagt viel mehr über die Geschichte der Berliner Juden als lange Abhandlungen", sagte Julius Schoeps, als er gemeinsam mit den Mitherausgebern Andreas Nachama und Hermann Simon im Centrum Judaicum das Buch "Juden in Berlin" vorstellte. Eine lange Abhandlung ist das Werk tatsächlich nicht geworden: Auf 264 Seiten und mit noch mehr Abbildungen wird die Entwicklung des Berliner Judentums von den Anfängen im Mittelalter bis heute dargestellt - auch jenes Kindergrab ist abgebildet.

Es solle ein Standardwerk werden, hatten sich Verlag und Herausgeber gewünscht. Das Buch hat gute Chancen, das auch zu erreichen. Wer sich für die spezifische Berliner jüdische Kultur interessiert, hat jetzt endlich eine Möglichkeit, sich in knapper und übersichtlicher Form mit seiner Geschichte vertraut zu machen. In sechs Kapiteln widmen sich ebenso viele Autoren - darunter die drei Herausgeber - jeweils einer Epoche in der Geschichte der Juden in Berlin. Natürlich ist diese nicht von der Geschichte Preußens zu trennen. Der populäre Mythos des toleranten, judenfreundlichen Staates bekommt aber bei der Lektüre der zahlreichen antijüdischen Edikte der Hohenzollern einen Knacks. "Gottlob, dass sie weg seyn, sollen die anderen auch wegschaffen, aber sollen sich nicht in meine andern Städte und Provintzen niederlassen", vermerkte Friedrich Wilhelm I. in einer Kabinettsorder nach dem Abzug von 387 Berliner Juden im Jahr 1737.

Dass das Buch pünktlich zu dem Preußen-Jubiläum erschien, ist jedoch mehr ein Zufall; bereits seit mehreren Jahren sind die Herausgeber mit der Arbeit beschäftigt gewesen. Dennoch ist der Zeitpunkt durchaus passend: Letztlich war es ja doch das Verdienst des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, im Jahr 1671 mit der Aufnahme von Juden aus Wien den Grundstein für die Entwicklung der einzigartigen Berliner jüdischen Kultur gelegt zu haben, die erst mit der Machtübernahme Hitlers zerstört wurde. Auch wenn das Kapitel über die Zeit nach 1945 sehr knapp ausfällt, reicht das Buch doch bis in die jüngste Gegenwart. "In den Feuilletons liest man schwärmerische Artikel über das angebliche neue jüdische Leben in der Stadt", heißt es in dem vorsichtig formulierten Vorwort zu dem Band: "Dabei ist man nicht selten bemüht, das Haus der Wannseekonferenz ... mit der wiederaufgebauten Kuppel der ehemaligen Neuen Synagoge in Kontrast zu setzen." Die Herausgeber haben diesem problematischen, weil eine ungebrochene Kontinuität vorgaukelnden Bild andere Kontraste entgegengesetzt. Auf den Abbildungen der letzten Seiten zeigen sich alle Facetten jüdischen Lebens im heutigen Berlin: Auf einem Foto ist die Demonstration am 9. November 2000 vor den Neuen Synagoge zu sehen - auf der gegenüberliegenden Seite ein Bild von einem Schützenpanzer vor dem Gemeindehaus. Dennoch sollte wohl dieser Spannung nicht das letzte Wort gelassen werden: Die letzten Bilder zeigen Kinder aus der Jüdischen Gemeinde.

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