Berlin : Berliner Kammergericht: Mit scharfem Verstand

Katja Füchsel

Fast hat er sich gescheut, es beim Abschied anzusprechen. "Weil dies ein Umstand ist, den Sie während ihrer gesamten Amtszeit nie in den Vordergrund gerückt haben", sagte Wolfgang Wieland - und meinte mit Umstand: Frau. Denn Gisela Knobloch war seit der Gründung 1468 die erste Präsidentin des Berliner Kammergerichts. Gestern wurde sie nach elf Jahren in den Ruhestand verabschiedet.

Es war keine ruhige Zeit. Als Gisela Knobloch im März 1990 den Vorsitz übernahm, war das Gericht nur für den Westteil der Stadt zuständig. Nach dem 3. Oktober kamen gewissermaßen über Nacht 1,6 Millionen Menschen hinzu. Die Justizeinrichtungen im Ostteil verloren ihre Funktion. Es fehlte qualifiziertes Personal. "Diese historische Herausforderung haben Sie und Ihre Mitarbeiter mit viel menschlichem und organisatorischem Geschick bewältigt", sagte Wieland im Kammergericht.

Die Karriere der Juristin begann am 16. Oktober 1964, als Gisela Knobloch ihre Ernennungsurkunde zur Gerichtsassessorin bekam. Knobloch begann am Landgericht, arbeitete zwischenzeitlich als persönliche Referentin des Finanzsenators. Die nächsten Stationen: Amtsgericht Charlottenburg, Amtsgericht Tiergarten, Berliner Justizprüfungsamt. 1988 erfolgte die Ernennung zur Vorsitzenden Richterin am Kammergericht. Zwei Jahre später wurde sie von der damaligen Justizsenatorin Jutta Limbach zur Präsidentin vorgeschlagen.

Gisela Knobloch eilte schon als junger Juristin ein exzellenter Ruf voraus, jedenfalls wenn man ihren Zeugnissen glaubt: "Dass Frau Knobloch eine herausragend begabte Juristin ist, bedarf kaum einer erneuten Betonung; dies ist bereits mehrfach gewürdigt worden: Die Richterin besitzt nicht nur bemerkenswert scharfen Verstand, sondern verfügt auch über die Gabe, ihren Gedanken knapp, klar und überzeugend Ausdruck zu verleihen. Dies alles ist gepaart mit profunder Rechtskenntnis, breiter Erfahrung...", hat der Landgerichtspräsident in einem Dienstleistungszeugnis geschrieben.

Vergessen hatte er vielleicht, Knoblochs Entschlossenheit zu erwähnen. Als nach dem Abzug der Alliierten viele Interesse an dem historischen Gebäude in der Elßholzstraße bekundeten, forcierte die Präsidentin den Umzug von der Witzlebenstraße noch während der Renovierung. Zuletzt machte sie im August Schlagzeilen, als sie sich öffentlich über weitere Personalkürzungen beschwerte und die Arbeit der Justiz gefährdet sah.

Nach ihrem Abschied hat jetzt die Suche nach einem Nachfolger begonnen. Die Entscheidung wird das neu gewählte Abgeordnetenhaus nach dem 21. Oktober fällen müssen. Laut Wieland ist bislang nur eines sicher: "Er wird es schwer haben, in Ihre Fußstapfen zu treten."

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