Berliner Kliniken : Gestorben - und im Kühlfach vergessen

Erna B. starb einsam in einem Spandauer Krankenhaus. Pflegekräfte deponierten die Leiche im Kühlraum und vergaßen sie dort. Immer mehr todkranken Patienten fehlt der Beistand von Angehörigen.

Ingo bach

Verwandte hatte die 97-jährige, an Demenz erkrankte Erna B. (Name geändert) schon lange nicht mehr. Ihr Tod ging aber offenbar auch den Profis nicht sonderlich nahe. Die Pflegekräfte deponierten die Leiche von Erna B. im Kühlraum – und vergaßen sie dann dort. Zwei Wochen lang, bis die gesetzliche Betreuerin von Erna B. nachfragte, wie es denn der alten Dame ginge. Der unbeachtete Tod der hochbetagten Patientin im Spandauer Wichern-Krankenhaus Ende 2007 wirft ein Schlaglicht auf die Frage, wie Kliniken mit Verstorbenen umgehen, die keine Angehörigen mehr haben.

Erna B. wurde am 25. November 2007 aus einem Moabiter Pflegeheim in das Wichern–Krankenhaus eingewiesen. Die geriatrische Klinik ist auf die Versorgung älterer Patienten spezialisiert. Erna B. litt unter akuter Luftnot. Schon seit 1999 kümmerte sich Elisabeth Stelzig, eine vom Vormundschaftsgericht bestellte hauptamtliche Betreuerin, um die alte Dame. Sie war es auch, die zwei Tage nach der Kliniküberweisung von der behandelnden Ärztin erfuhr, dass es Erna B. sehr schlecht gehe und dass man nichts mehr für sie tun könne. Man werde die Patientin in den nächsten Tagen in ihr Heim zurückverlegen.

Dann hörte Frau Stelzig eine Weile nichts mehr über diesen Fall. Am 13. Dezember rief sie erneut im Krankenhaus an, um sich nach Erna B. zu erkundigen. Sie erhielt die Aukunft, dass die von ihr betreute Frau bereits am 1. Dezember verstorben war – und man sie offenbar im Kühlraum vergessen hatte. Ebenso hatte man es vergessen, das Heim, die Behörden oder die Betreuerin von dem Ableben zu benachrichtigen. „Wann hätte man das gemerkt, wenn ich nicht angerufen hätte?“, fragt Elisabeth Stelzig.

Der Krankenhausleitung ist dieser Fall nun äußerst peinlich. Eine Verkettung unglücklicher Umstände habe zu diesem Vorfall geführt, sagt der Chefarzt der Geriatrie, Burkhard Hochheimer. Die Dame sei an einem Sonnabend verstorben. Am Wochenende habe man noch versucht, die Betreuerin oder das Pflegeheim telefonisch zu erreichen, vergeblich. „Am Montag ist es dann untergegangen, es weiter zu versuchen.“ Die Verstorbene sei „vom Schirm verschwunden“.

So etwas sei im Wichern-Krankenhaus noch nie passiert, sagt der Chefarzt. „Zumindest nicht seit 1990, seitdem ich hier arbeite.“ Er könne sich nur entschuldigen – und versichern, dass sich so etwas nicht wiederholen werde. Sollte nach dem Tod eines Patienten die zu benachrichtigenden Personen nicht per Telefon erreichbar sein, müssten die Verantwortlichen nunmehr ein Fax mit der dringenden Bitte um Rückruf senden.

Es kommt immer häufiger vor, dass in Berlin Menschen versterben, die keine Angehörigen mehr haben. Das lässt sich beispielsweise an der Entwicklung der so genannten ordnungsbehördlichen Bestattungen ablesen – also der vom Amt bezahlten Beisetzungen, wenn es an Angehörigen fehlt, die die Beerdigungskosten übernehmen könnten. Betraf das im Jahr 2003 in Berlin noch 2180 Verstorbene, so stieg die Zahl bis 2005 auf 2370.

Auch in Krankenhäusern versterben Menschen ohne Angehörige. Dann sei die Klinik verpflichtet, sofort das zuständige Ordnungsamt zu informieren, das dann die Bestattung in die Wege leitet, sagt Michaela Schwabe von der Unabhängigen Patientenberatung.

Im Berliner Bestattungsgesetz gebe es aber keine Vorschrift zur Benachrichtigung von Angehörigen oder anderen Stellen, sagt Volker Loy, Direktor der Pathologie des landeseigenen Vivantes-Klinikkonzerns. Im Konzern sei festgelegt, dass die Station des Verstorbenen die Verwandten informiert, falls diese nicht zur Sterbebegleitung anwesend waren. „Sind Angehörige nicht bekannt, übernimmt die Pflege die Benachrichtigung der zuständigen Versorgungsstelle.“

Dass mal ein Verstorbener im Kühlraum vergessen werde, sei ausgeschlossen, ist Loy sicher. Ein Arzt kontrolliere regelmäßig die Zahl und Identität der Verstorbenen. Falls keine Abholung erfolge, setze sich ein Pathologieassistent mit der Standesamtvertretung im Klinikum in Verbindung. Im Schnitt bliebe ein Verstorbener kürzer als 14 Tage in den Vivantes-Kühlräumen, bis ein Bestatter die Leiche abhole.

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