Berlin : Berliner Koalition: Flierl? Nie gehört

Seit gestern Abend steht es fest: Der neue Berliner Senator für die Bereiche Wissenschaft, Forschung und Kultur wird wohl Thomas Flierl heißen. Eine Nominierung, die am Mittwoch Abend Anlass für Diskussionen gab. Andere haben von dem PDS-Mann hingegen offenbar noch nie etwas gehört.

Auf Vorbehalte stößt der Kandidatenvorschlag der PDS fürs Wissenschaftsressort an Berlins Hochschulen jedenfalls spontan nicht. "Ich kann ihnen zu dem neuen Kandidaten nichts sagen, weil ich ihn gar nicht kenne!", zeigte sich der Präsident der Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek, von der Neuigkeit des Abends denn doch etwas überrascht. Thomas Flierl, wer ist das? "Meine Erwartungen sind allerdings ohnehin nicht besonders hoch. Nun erlebe ich schon den dritten Senator während meiner kurzen Amtszeit. Fünf waren es immerhin in drei Jahren", sagt Mlynek, der selbst erst seit gut einem Jahr in seinem Amt an der vormaligen DDR-Spitzenuniversität ist.

Mit seiner Überraschung steht der Humboldt-Präsident nicht allein. Der Präsident des West-Pendents, der Freien Universität, Peter Gaehtgens, sieht das ähnlich. "Nein, den kenne ich nicht", meint auch Gaehtgens. "Seine bisherige Tätigkeit hat wohl auch wenig in die Wissenschaft geführt." Von einem drohenden Ost-West-Konflikt will Gaehtgens nichts wissen.

Wichtiger ist ihm, dass der künftige Senator nicht wieder hauptsächlich die Interessen der Kultureinrichtungen im Blick hat. "Wir brauchen jede Unterstützung für die Wissenschaft, die wir bekommen können. Jetzt müssen wir erst mal abwarten, was der neue Senator denn tatsächlich tut." Auch darin sind sich die beiden Präsidenten einig.

Die Berliner Akademie der Künste hat indes ihren "energischen Protest" gegen Pläne zur Kürzung des Berliner Kulturetats angemeldet. Damit drohe dem Berliner Kulturleben ein enormer Schaden, erklärte Akademiepräsident György Konrad am Mittwoch in einer Presseerklärung. Er betrachte es mit Sorge, dass "entgegen einem für verbindlich erachteten Beschluss des letzten Senats und gegebener Wahlversprechen, dem Berliner Kulturhaushalt einschneidende Kürzungen drohen".

Anstatt die Fehlsumme von mindestens 8 Millionen Euro (15,64 Millionen Mark) zum 375-Millionen-Euro-Etat auszugleichen, werde dieser um 10 Millionen Euro, die beim Theater des Westens gespart werden, plus 8 Millionen so genannter "struktureller Einsparungen" gekürzt. Auch der zu erwartende Wegfall der Lottomittel, bislang eine wichtige Quelle für die Mitfinanzierung von Kulturprojekten und Ankäufen, schaffe neue Probleme, erklärte Konrad. rt/dpa

Der Schriftsteller Günter Kunert befürchtet angesichts einer PDS-Beteiligung am Berliner Senat eine "Kultur- Katastrophe" in der Hauptstadt. "Was hat die PDS noch mit Demokratie zu tun?" meinte der im Zuge der Biermann-Ausbürgerung 1979 aus der DDR in den Westen übergesiedelte Schriftsteller in einem Gespräch mit der in Oldenburg erscheinenden "Nordwest-Zeitung".

"Die Ex-SED-Kader schmieden ihre Komplotte", sagte Kunert weiter. Auch die Tatsache, dass Gregor Gysi bei der Besetzung des Justizressorts mitreden wolle, sage viel. "Die Überprüfung von Ex-Stasi-Leuten wird kaum durch die PDS gefördert. Ein PDS-genehmer Mann kann Türen öffnen. Die Schuldigen, sei es ein Mauerschütze oder ein NVA-General, können so viel leichter salonfähig werden."

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