• Berliner Kulturinstitution: Die Nazi-Vergangenheit des Kaiser Friedrich Museumsvereins

Berliner Kulturinstitution : Die Nazi-Vergangenheit des Kaiser Friedrich Museumsvereins

Jüdisch geprägt und im Nationalsozialismus eher Opfer als Täter: So erzählte der honorige Kaiser Friedrich Museumsverein seine eigene Geschichte. Die muss jetzt umgeschrieben werden.

Bernd Sösemann
Unterm Hakenkreuz. Auch das Kaiser-Friedrich-Museum und seine Förderer wurden vereinnahmt. Foto: Ullstein Bild
Unterm Hakenkreuz. Auch das Kaiser-Friedrich-Museum und seine Förderer wurden vereinnahmt.Foto: Ullstein Bild

Es gibt ein bestimmtes Bild der eigenen Geschichte, das Vorstände und Mitglieder des Kaiser Friedrich Museumsvereins (KFMV) über Jahrzehnte pflegten. Erstmals 1972 festgehalten, wiederholten sie es immer wieder wortwörtlich, mitunter ein wenig abgewandelt, in Festreden, Katalogen und Jubiläumsschriften: „Die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre hatte wesentliche Voraussetzungen eines großzügigen Mäzenatentums zerstört“, heißt es in diesem Textbaustein, der darüber hinaus folgende Informationen enthält: Die letzte Mitgliederversammlung des Vereins vor dem Zweiten Weltkrieg habe im Jahre 1936 stattgefunden. Und gehe man die alten Mitgliederverzeichnisse durch, so zeige sich ein erheblicher Anteil jüdischer Mitbürger.

In der Öffentlichkeit kann bis heute die Auffassung vorherrschen, die Museums- und Bibliotheksdirektionen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowie ihre privaten Förderer seien weniger Täter als vielmehr Opfer eines rigoros gleichschaltenden NS-Regimes gewesen. Doch diese Sicht wird brüchig: 2013 bot ein Sammelband des Zentralarchivs einige Anregungen für die bis heute fehlende systematische geschichtswissenschaftliche Erforschung der Staatlichen Sammlungen zu Berlin. Für die Geschichte ihrer Freundeskreise liegen bislang ebenfalls nur wenige oder unzulängliche Darstellungen vor. Das soll sich nun ändern.

Zu den Mitgliedern zählten die Spitzen der Gesellschaft

Wilhelm Bode (1845–1929), Generaldirektor der Berliner Museen, gründete den KFMV im Jahr 1896. Aufgrund der einst von Kaiser Wilhelm II. genehmigten Statuten verfolgen die Mitglieder bis heute das Ziel, die Gemäldegalerie, das Kaiser-Friedrich-Museum – 1956 vom DDR-Kultusminister Johannes R. Becher in Bode-Museum umbenannt – und das Museum für Byzantinische Kunst zu fördern. Sie ermöglichen die Anschaffung von Kunstwerken, unterstützen Ausstellungen und richten kunstbezogene Veranstaltungen aus. Zu den Mitgliedern zählten Anfang des 20. Jahrhunderts Bankiers wie Jakob Goldschmidt, Großgrundbesitzer wie Guido Henkel Fürst von Donnersmarck und, natürlich, auch der 1932 verstorbene James Simon, der den Berliner Museen nicht nur die Nofretete und komplette Kunstsammlungen schenkte, sondern auch Ausgrabungen und vieles mehr finanzierte.

Bereits vor dem Ende des Ersten Weltkriegs waren zwei Drittel der Vereinsmitglieder, darunter auch Walther Rathenau und Max Liebermann, jüdischer Herkunft, etliche wurden von den Nazis später in die Emigration oder in den Tod getrieben. Wenn der KFMV, wie so viele Kulturinstitutionen in Berlin, bis heute eher als Opfer des Nationalsozialismus gesehen wird denn als Ort der Taten und Täter, zeigt das, wie verbreitet die Verdrängung der NS-Zeit immer noch ist.

Die nunmehr vorliegenden Ergebnisse decken jedoch etliche Irrtümer auf, enthüllen Schutzbehauptungen oder eidesstattliche Falschaussagen. Und sie zeigen, vielleicht am verheerendsten für eine Institution mit derart vielen jüdischen Mitgliedern: Antisemitische Einstellungen gab es lange vor der Regierungsübergabe an die Hitler-Papen-Hugenberg-Koalition.

Auch Wilhelm Bode äußerte sich antisemitisch

So haben Jahrzehnte der gedeihlichen Zusammenarbeit mit Mäzenen jüdischer Herkunft, allen voran Wilhelm Bode, nicht vor Intoleranz und Engstirnigkeit bewahrt. Bemerkungen wie, er könne es Kunstliebhabern nicht „verdenken, wenn sie sich ihre kostbaren Teppiche nicht von jüdischen Plattfüßen abtreten lassen wollen“, werden gelegentlich heute noch als Salon-Antisemitismus verharmlost. In Briefen an den späteren Hitler-Vertrauten Hans Posse hetzte Bode gegen den Hauptkonservator an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, „den kleinlichen Juden Mayer“, einen Kunsthistoriker, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Und in seinen erst kürzlich erstmals edierten persönlichen Aufzeichnungen beklagt Bode „die Verjüdelung und das starke Anwachsen des Einflusses der jüdischen Elemente in Deutschland, nicht nur in allen Finanzfächern und vielfach auch in der Industrie, vor allem in der Beherrschung fast der ganzen Presse“.

Schlüsselfigur. Wilhelm Bode (hier 1922) gründete das Kaiser-Friedrich-Museum - in der DDR wurde es nach ihm umbenannt. Foto: Ullstein Bild
Schlüsselfigur. Wilhelm Bode (hier 1922) gründete das Kaiser-Friedrich-Museum - in der DDR wurde es nach ihm umbenannt.Foto: Ullstein Bild

Auch Bodes Nachfolger Friedrich Schmidt-Ott (1860–1956), der letzte kaiserliche Kultusminister und Vorsitzende der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, respektive Deutschen Forschungsgemeinschaft, zu dessen Ehren die Kaiser-Wilhelm-Straße in Steglitz 1960 umbenannt wurde, ist alles andere als unverdächtig, wie sich aus den jüngsten Forschungen zur Wissenschaftsgeschichte ergeben hat. Schon 1923 hatten Wissenschaftler aus den USA ihm vorgeworfen, er benachteilige jüdische Antragsteller. Und in der berüchtigten Affäre Vahlen brachte er als Präsident der Notgemeinschaft demokratische Politiker von links bis rechts gegen sich auf: Es ging dabei um Theodor Vahlen (1869–1945), Ordinarius für Mathematik in Greifswald, Antisemit, seit 1924 NS-Gauleiter von Pommern. Am 11. August 1924, dem reichsweit feierlich veranstalteten Verfassungstag, hatte er an der Universität die Symbole der Weimarer Demokratie, die Preußen- und Reichsflagge, in einer medial wirkungsvollen Aktion einholen lassen. Nach einem langen Prozess wurde Vahlen im März 1927 zur Dienstentlassung ohne Ruhegeld verurteilt. Ein Jahr später sprach Schmidt-Ott Vahlen die Verlängerung und Erhöhung eines Stipendiums der Notgemeinschaft zu – diese Entscheidung kam einer Rehabilitierung gleich. Wie sehr diese Entscheidung seiner inneren Haltung entsprach, zeigen Schmidt-Otts 1952 veröffentlichte Erinnerungen, in denen er in arglos-biederer Weise Sitzungsabläufe skizziert: Es fehlte „nicht an Spannungen, die auf Temperaments-, zum Teil wohl auch auf Rassenunterschieden beruhten und gelegentlich in unseren Verhandlungen zum Ausdruck kamen“.

Den vollständigen Text, der erstmals am Sonnabend, 3. Dezember 2016, auf unseren gedruckten Mehr-Berlin-Seiten erschien, lesen Sie für nur 45 Cent im Online-Kiosk Blendle.

Bernd Sösemann, Universitätsprofessor a.D., leitet eine Forschungsstelle am Friedrich-Meinecke-Institut. Seine vom heutigen Vorstand des Kaiser Friedrich Museumsvereins in Auftrag gegebene Untersuchung „Im Zwielicht bürokratischer ,Arisierung‘“ ist just in der Edition Andreae erschienen (74 Seiten, 14,90 €).

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