Berlin : Berliner Landesverband bedauert den Abschied ihres "Lieblings"

Ulrich Zawatka-Gerlach

Die Berliner CDU reagierte gestern bestürzt auf den plötzlichen Rückzug des Partei- und Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Schäuble. Er habe "in honoriger Weise die Konsequenz aus einer Situation gezogen, in der er sich nicht mehr frei für die politische Auseinandersetzung hielt", attestierte der CDU-Landesvorsitzende Eberhard Diepgen dem Parteifreund. Schäubles persönliche und politische Integrität stehe nicht in Frage. Die Umstände, unter denen er seine Entscheidung getroffen habe, schmerzten.

Schäubles Engagement für die Deutsche Einheit und für die Hauptstadt-Entscheidung des Bundestages zugunsten Berlins ließen ihn nach 1990 zum "Liebling" der Landes-CDU aufsteigen. "Er ist bei uns hoch geachtet", bestätigte Partei-Vize Stefan Schlede. Schäuble sei Erbwalter eines Problems geworden, das er nicht verursacht habe. Die stellvertretende Landesvorsitzende Ursula Birghan sprach von einer "menschlichen Tragödie". Auch bei den jüngeren Parteifunktionären stand das Bedauern im Vordergrund. "Schäuble hat mich immer sehr fasziniert", bekannte gestern Marcus Mierendorff, Mitglied der "Jungen Gruppe" der CDU-Abgeordnetenhausfraktion. Er sei bescheiden, kompetent, glaubhaft und vorbildhaft gewesen.

Die Bundes-CDU müsse "ganz von vorn beginnen", meinte Joachim Zeller, der auch zur Riege der Diepgen-Stellvertreter gehört. Die Chance zum Neuanfang müsse nun genutzt werden. Zeller, der aus dem Ostteil Berlins stammt, lobte ausdrücklich die CDU-Generalsekretärin Angela Merkel, die als künftige Parteivorsitzende im Gespräch ist. Sie habe "mächtig an Statur gewonnen, außerdem wäre eine Kandidatin aus dem Nordosten nicht schlecht." Landesvorstandsmitglied Andreas Apelt, Abgeordneter aus Prenzlauer Berg, hofft ebenfalls auf einen Neuanfang, räumt aber ein, "dass die Krise der CDU tiefe Spuren bis in den letzten Ortsverein hinein hinterlässt."

Der Schöneberger CDU-Kreisvorsitzende Gerhard Lawrentz, ein langjähriger Vertrauter Diepgens, war wegen des plötzlichen Rückzugs von Schäuble traurig. "Schäuble ist für mich ein Patriot, der diesen Abgang nicht verdient hat." Aber auch Lawrentz plädierte unter diesen neuen, dramatischen Umständen für einen personellen Neuanfang, "damit die CDU bald wieder Politik machen kann."

CDU-Landesgeschäftsführer Matthias Wambach wies gestern auf die "existenziell schwierige Situation" der Bundespartei hin. In dieser bedrohlichen Lage sei der Rückzug Schäubles nur ein Teilaspekt. Über ein finanzielles Solidaropfer der Landesverbände müsse aber der Bundesausschuss der CDU entscheiden. "Entsprechend der Mitgliederzahl bzw. der Vermögenssituation." Zunächst gelte aber das Verursacher-Prinzip, sagte Wambach und richtete den Blick gen Hessen. "Dann kann auch Solidarität eingefordert werden." Die Finanzen der Berliner CDU stehen derzeit auf einem soliden Fundament.

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