Berliner Lehrer über Mathematik : „Rechnerei schreckt ab“

Der Berliner Mathematiklehrer Thilo Steinkrauß über uncoole Mathematik und Leistungsdruck.

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Zu leicht? Zu schwer? Bei der Einschätzung der Abiturprüfungen dürften manche Schüler zu anderen Bewertungen kommen als ihre Lehrer.
Sind Mathe-Aufgaben zu leicht geworden? Viele Schüler werden das anders sehen.Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Professoren und Lehrer haben in einem Brandbrief den Mathematikunterricht kritisiert. Die schwachen Rechenkenntnisse deutscher Studenten sollten nicht nur Mathematiker beunruhigen. Wir sprachen mit Thilo Steinkrauß, 48, Fachbereichsleiter Mathematik am Herder-Gymnasium in Westend. Er gehört zu den Unterzeichnern des Brandesbriefes zu schwindenden Mathematikkenntnissen.

Herr Steinkrauß, die Mathematik-Kenntnisse von Schülern werden immer schlechter. Warum gilt es als cool, kein Mathe zu können?

Mathematik ist Kulturtechnik und Geisteswissenschaft: Ihr fehlt die breite Anerkennung, weil ihr Nutzen sich nicht prompt erschließt. Man muss in Vorleistung gehen, sich darauf einlassen.

Anscheinend haben es die Mathematiklehrer nicht geschafft, das zu vermitteln.

Mathematik wurde in eine Ecke gedrängt oder hat sich selbst dorthin gestellt: Einsetzen von Zahlen in unverstandene Formeln und Rechnerei schrecken ab, ist aber keine Mathematik. Wer da schlechte Erfahrungen gemacht hat, wird das Fach sicherlich nicht auf Lehramt studieren. Wir brauchen aber Lehrer, die ihr Fach beherrschen, dafür brennen und die Studierfähigkeit der Schüler als Ziel haben.

Fehlt den Schülern vielleicht auch die Anstrengungsbereitschaft?

Anstrengungsbereitschaft und Durchhaltevermögen muss man pflegen. Dazu muss man gefordert und geschätzt werden: Sich anzustrengen macht ungeheuren Spaß! Die Einsatzfreude und Eigenverantwortung müssen dabei von den Großen vorgelebt werden.

Aber Eltern beklagen, dass ihre Kinder überfordert sind.

Wo liegt die Überforderung? Gymnasiasten haben durch die Schulzeitverkürzung zu lange Schultage. Hinzu kommt: Guter Unterricht wird auf gute Noten reduziert. Dadurch entsteht enormer Druck, nicht nur bei den Kindern.

Die Noten werden ja immer besser.

Ja, eine Folge des Notendrucks: Um im Vergleich gut dazustehen oder Reformen als Erfolg zu verkaufen, werden Anforderungen gesenkt – auch bei der Korrektur. Chancengleichheit wird mit Gleichmacherei verwechselt: Immer mehr schwache Schüler kommen in die gymnasiale Oberstufe, die unter Umständen eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben. Das ist gut für die Schulstatistik, aber nicht für die allgemeine Hochschulreife und schon gar nicht für die Schüler.

Thilo Steinkrauß, 48, ist Fachbereichsleiter Mathematik am Herder-Gymnasium in Westend. Er gehört zu den Unterzeichnern des Brandbriefes zu schwindenden Mathematikkenntnissen.
Thilo Steinkrauß, 48, ist Fachbereichsleiter Mathematik am Herder-Gymnasium in Westend. Er gehört zu den Unterzeichnern des...Foto: privat
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