Berlin : Berliner Mauer: Einmal ganz herum um West-Berlin

Jeannette Goddar

Als der junge Künstler im Jahre 1985 aus dem Fränkischen nach West-Berlin zog, verschlug es ihn ausgerechnet nach Waidmannslust. Wenn er sich auf sein Fahrrad setzte und nach Norden radelte, gelangte er binnen weniger Minuten in Hermsdorf an die Mauer. Wenn er nach Osten fuhr, war hinter dem Märkischen Viertel Schluss. Nun gab es von Waidmannslust aus keine besonders guten Gründe, gen Norden oder Osten zu fahren - dennoch zog es Franz John immer wieder Richtung Grenze. "Das war fast zwanghaft", erzählt er heute, "das Gefühl, mitten im Kalten Krieg zu sein und das immer wieder visualisieren zu wollen, hat mich in den 80er Jahren nie losgelassen".

Dass er viereinhalb Jahre später umgehend zur Bornholmer Straße stürzte, als ihn die Nachricht vom Fall der Mauer ereilte, ist nicht weiter ungewöhnlich. Äußerst ungewöhnlich ist hingegen die Idee, die ihn kurz nach dem Mauerfall überkam: einmal mit dem Fahrrad die gesamte Grenze abzufahren und auf Video zu bannen. Im Februar 1990 begann John seinen Wettlauf gegen die Zeit, arbeitete sich Stück für Stück auf 180 Kilometern durch die Grenzanlagen - in einer Phase, als in der Innenstadt die Mauerspechte schon ganze Arbeit leisteten und in den Außenbezirken immer noch Grenzposten standen.

"Ein absurder Gegensatz", konstatiert John, "im Umland hatte man an manchen Stellen im Sommer 1990 noch den Eindruck, die Mauer sei gar nicht gefallen." So sei auch die heutige Darstellung, der Fall der Mauer habe sich in der Nacht zum 10. November 1989 vollzogen, eine extrem verkürzte Darstellung: "Im Nachhinein kommt einem das immer so einfach vor." Johns 180-Kilometer-Tour macht aber noch etwas deutlich; nämlich, dass es sich dabei nicht um eine Reise entlang einer Mauer; sondern durch eine Grenzanlage gehandelt hat - entstanden sind so beklemmende Bilder, die einen zwischen der West- und der Ostmauer geleiten.

"Heute", sagt John, "wissen doch schon viele gar nicht mehr, dass es zwei Mauern gab: Im Westen wie im Osten haben alle immer nur auf ihre eigene Mauer gestarrt." Und weil die Menschheit so vergesslich ist und bis heute kein symbolischer Streifen die ehemalige Grenze entlangführt, hat John in seinem Atelier zwei Jahre lang daran gebastelt, das Filmmaterial sowie zahlreiche andere Dokumente, Töne und Filme zu einer interaktiven CD-Rom zu verarbeiten. An jedem Punkt der Mauer kann die virtuelle Zeitreise begonnen werden. Kilometer für Kilometer reist man mit John den Todesstreifen entlang - und blickt auch immer wieder einmal nach rechts und links, wird per Mausklick zu Originalaufnahmen aus den 60er, 70er und 80er Jahren begleitet; sieht noch einmal die Glienicker Brücke zu Zeiten, als hier noch die rote Fahne wehte; bekommt einen Einblick in die Geisterbahnhöfe auf jenen U-Bahn-Strecken, die durch die DDR führten.

Besonderes Augenmerk hat John den Exklaven beider Staaten gewidmet: Die CD-Rom macht Halt in Meedehorn, wo DDR-Bürger die "Wochenendsiedlersparte" nur betreten durften, wenn die Havel nicht gefroren war, weil die Flucht sonst zu simpel gewesen wäre. Der Film zeigt, wie im Frühjahr 1990 ein älterer DDR-Bürger vor seiner Datsche steht und eigenhändig die Mauer einreißt, um wieder einen freien Blick auf das Wasser zu haben.

In Lübars im Norden der Stadt widmet sich ein Exkurs dem Verbleib der etwa 700 Schäferhunde, die zum Schutz der Grenze eingesetzt wurden: Dort lernt der Nutzer, dass der Verkauf an eine koreanische Restaurantkette verhindert wurden und die meisten Hunde in den Besitz der ehemaligen Grenzer übergingen. "Interzone" heißt die CD-Rom, die einen nicht nur durch den Todesstreifen, sondern auch durch gleich mehrere längst in den Gedächtnissen verblichene Welten führt. "Interzone" soll die schmale Welt zwischen Ost und West symbolisieren.

Entstanden ist das faszinierende multimediale Werk, das dank seiner unzähligen virtuellen Reisemöglichkeiten selbst wenig geschichtsbegeisterte Menschen stundenlang vor dem Bildschirm fesseln kann, mitten in Kreuzberg. Hier werkelt Franz John, der sich selbst als "Medienkünstler" bezeichnet, seit Jahren an seinen Werken.

An der Wand hängen - wie könnte es anders sein - diverse Skizzen, auf denen Bunker, Wachtürme und Zäune eingezeichnet sind. Allerdings zeigen sie zur großen Verblüffung des Besuchers nicht die Grenzanlagen der DDR, sondern die der Westküste der Vereinigten Staaten: Drei Monate lang erforschte John im Rahmen eines Stipendiums die Anlagen rund um die Golden Gate Bridge, mit deren Hilfe die USA vor der Erfindung der Satellitentechnik gegen die Eroberung über den Pazifik geschützt wurde. Wie sagte John noch über sich selber? "Fast zwanghaft" - die Faszination der Zwischenwelten.

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