Berliner Mauer : Erinnern an "menschliche Tragödien"

47 Jahre nach dem Mauerbau: Bundestagspräsident Norbert Lammert kritisiert den Streit um Zahl der Opfer. Die Mauer zeige aber auch, dass man Menschen auf Dauer nicht einsperren kann.

Rita Nikolow
Mauer Museum
Überall in der Stadt wurde gestern des Mauerbaus vor 47 Jahren gedacht. Bundestagspräsident Norbert Lammert kritisierte derweil...Foto: dpa

Sie war 155 Kilometer lang und stand 28 Jahre: Gestern vor 47 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut. Die DDR riegelte am 13. August 1961 den Zugang zum Westteil Berlins ab. Es war kein runder Jahrestag, aber trotzdem einer, den am Mittwoch viele Berliner und Touristen nutzten, um sich zu informieren, zu gedenken und sich an eine Zeit zu erinnern, in der mindestens 136 Menschen an der Mauer getötet wurden.

In der völlig überfüllten Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße nannte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) die Mauer gestern ein „Symbol entsetzlicher politischer Verirrung und menschlicher Tragödien“. Gleich zweimal, mit Bau und Fall, habe sie sich in das kollektive Gedächtnis eingeprägt. Die Mauer sei allerdings auch ein Beispiel dafür, dass die Abschottung der eigenen Bevölkerung gegen unerwünschte Informationen, Kontakte oder Veränderungen immer eine politische Bankrotterklärung sei. Das Bedürfnis der Menschen nach Freiheit und Selbstbestimmung könne man damit auf Dauer nicht zerstören. Dies könne Ermutigung für alle in der Welt sein, die sich psychisch oder physisch eingesperrt fühlten.

Kritik übte Lammert aber auch am fast vollständigen Verschwinden der Mauerreste: Zwar sei es nach 1989 „in bemerkenswerter Weise“ gelungen, die Spuren dieses „monströsen Irrtums“ zu beseitigen. Dies habe allerdings dazu geführt, dass „authentische Belege über die Mauer und was sie bedeutet hat“ fehlten.

Positiv beurteilte Lammert, dass sich wieder mehr junge Menschen für die Geschichte Deutschlands interessierten. „Wir müssen alles tun, um das Informationsbedürfnis nach Kräften zu befördern“, sagte der Bundestagspräsident. Damit nahm er auch Bezug auf eine Untersuchung der FU Berlin, die große Wissenslücken bei ost- und westdeutschen Schülern über die DDR offengelegt hatte.

Als „unwürdig“ bezeichnete Lammert den Streit um die tatsächliche Zahl der Maueropfer. Auch wenn es nur halb so viele Opfer gäbe, würde dies an der Entsetzlichkeit nichts ändern. Die „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ hatte am Dienstag behauptet, die Zahl der Maueropfer läge ihrer Recherche zufolge bei mindestens 222.

Im Anschluss an die Andacht legten unter anderem Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses Walter Momper (beide SPD) Kränze an der Gedenkstätte nieder. Nach einer Schweigeminute für die Opfer der SED-Diktatur nannte Wowereit den 13. August einen „wichtigen Tag“, an dem an das Elend erinnert werde, das die Mauer gebracht habe.

Dass unter den niedergelegten Kränzen auch einer der Berliner Linken zu finden war, stieß nicht bei allen Besuchern – mehrere hundert waren auf das Gelände der Gedenkstätte gekommen – auf Zustimmung. „Der hat da nichts zu suchen“, sagte Tatjana Sternburg von der Vereinigung 17. Juni, die sich für die Erinnerung an den ersten Volksaufstand gegen die kommunistische Diktatur engagiert.

Am Nachmittag setzte die Mauergedenkstätte Bernauer Straße die Erinnerung mit Führungen unter dem Thema „Es geschah an der Berliner Mauer“ fort. Eine weitere Gedenkveranstaltung fand an der Erinnerungs-Stele von Peter Fechter in der Zimmerstraße statt. Der Bauarbeiter war am 17. August 1962 an der Mauer getötet worden.

Im Abgeordnetenhaus sollte am Abend die Ausstellung „Es war einmal“ mit Bildern des Malers Johannes Heisig eröffnet werden. Der Landesverband der CDU wollte ebenfalls am Abend auf der Glienicker Brücke mit einer Lichterkette an den Jahrestag des Mauerbaus erinnern. In der Potsdamer Mahn- und Gedenkstätte „Lindenstraße 54“, einer ehemaligen Haftanstalt der Staatssicherheit, erinnerte Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) an den Mauerbau vor 47 Jahren.

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