Berliner Mauer : Geschichte greifbar machen

Damit sie nicht in Vergessenheit gerät, gibt es eine Vielzahl an Angeboten, mit denen schon Kinder lernen können, was die Berliner Mauer war. Zeitzeugen, Führungen, Historienpuzzle – schon den Kleinen wird die Teilung vermittelt.

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Heute kann man einfach darüber hinweggehen. Vor 48 Jahren wurde hier nahe des Brandenburger Tors eine kaum überwindbare Mauer...Foto: Thilo Rückeis

BerlinUnd dann springt er doch. Vom Hausdach auf der Ostseite der Mauer, direkt ins Sprungtuch der Feuerwehr. Eigentlich hätte er hier nicht spielen dürfen. Der Grenzstreifen gehört zur verbotenen Zone. Der Junge ist neun Jahre alt, in dem Moment, als er springt, drückt ein Fotograf auf den Auslöser. Über 40 Jahre später steht Svenja Lissau mit zehn Kindern vor dem Foto und erzählt die Geschichte des Jungen. Die Kinder, die zur Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße kommen, sind zwischen acht und zwölf Jahre alt. Viele staunen über den Mut des Jungen, andere sind überrascht über den verbotenen Spielort. Lissau ist Kunstlehrerin und leitet die Tour „Wer wird Mauerexperte?“. Der Mauerbeton ist kalt, durch die Schlitze am Grenzstreifen sieht man die Auflagen für die Gewehre der Grenzer, damit diese präziser zielen konnten. Die Kinder erleben auf der Tour Mauergeschichte mit allen Sinnen. Grobe historische Kenntnisse bringen selbst die Jüngsten mit. In vielen Berliner Schulen steht die Teilung in der vierten Klasse im Lehrplan. Eine Doppelseite im Schulbuch für den Mauerbau und die Geschichte der DDR. Es bleibt nur wenig Zeit, Hintergründe zu erklären. Dass an der Mauer Menschen getötet wurden, verschweigt auch Lissau. „Die meisten sind zu jung, um das zu begreifen“, sagt sie. „Die Kinder sollen die historischen Ereignisse einordnen können, aber nicht überfordert werden.“ Viel lieber reizt sie ihren Ehrgeiz. Am Ende bekommen sie als Mauerexperten eine Urkunde.

Es gibt viele solcher Angebote zur Mauer speziell für Kinder. Was 1961 konstruiert wurde, können Kinder sogar als Puzzle nachbauen – bei der Mauerausstellung am Alex. Die Einzelteile aus Pappe stecken in der Entdeckertasche vom Kulturprojekt Berlin. „Wenn Kinder die Mauer selbst bauen, begreifen sie, was der Wall für die Menschen bedeutet hat“, sagt Christiane Schrübbers, Koordinatorin für kindgerechte Führungen bei der landeseigenen Gesellschaft. Die Tasche mit Arbeitsblättern, Quizfragen oder Bildern zum Ausmalen gibt es kostenlos zur Ausstellung. Schrübbers verlässt sich auf die Initiative der Eltern. Die, die mit ihren Kindern kommen, haben oft selbst Erfahrungen mit der Mauer gemacht. Die Oma kommt aus Ostberlin, der Opa aus dem Westen. Die Kinder sollen verstehen, warum zwischen den Großeltern von einem Tag auf den anderen die Mauer steht. „Was die Kinder mitbringen, wollen wir vertiefen“, sagt Schrübbers.

Wie lang ist die Mauer? Kann man über sie drüberklettern? Wie konnten die Bürger aus der DDR fliehen? Antworten auf diese Fragen gibt Angela Kreller auf der Tour „Vor der Mauer – hinter der Mauer“. Für das Unternehmen Stattreisen führt sie Kinder und Jugendliche vom Nordbahnhof zur Westseite der Mauer an der Bernauer Straße bis zur Versöhnungskapelle. „Die Kinder müssen sich Geschichte selbst erarbeiten“, sagt Kreller. Die 44-Jährige hat in der DDR als „Stadtbilderklärerin“ gearbeitet. Für sie ist die Arbeit mit den Kindern eine Herausforderung. „Sie probieren aus und fragen nach. Wenn sich die Kinder langweilen, hat der Stadtführer verloren.“ Viele Kollegen trauen sich die Kinderführungen nicht zu.

Für Schüler auf Klassenfahrt ist die Mauer Pflicht. In Hohenschönhausen, dem ehemaligen Gefängnis der Staatssicherheit, sind die Schülerführungen auf Wochen im Voraus ausgebucht. „16- oder 17-Jährige beeindrucken die Erlebnisse der Zeitzeugen“, sagt Andreas Schmidt, Geschichts- und Politiklehrer an einem Gymnasium nahe Stuttgart. Als die von der Stasi inhaftierte Edda Schönherz ihre Geschichte seiner Klasse erzählt, bricht ein Mädchen in Tränen aus. Wie Schmidt planen Lehrer aus ganz Deutschland auf Klassenfahrten den Besuch fest ein. Weil Mauergeschichten zur Lebenswelt von Jugendlichen passen müssen, setzt Stadtführerin Kreller bei den Bedürfnissen der heutigen Schüler an: Musikdateien gratis, 100 Fernsehkanäle, Klamotten ohne Ende – so sehen die Wünsche der Jugendlichen aus, die zu ihren Führungen kommen. Zwar stand zu Mauerzeiten der Musikdownload nicht zur Debatte, aber die Sehnsucht nach Konsumgütern war die gleiche. Im Netz werden zwar Kommentare zum Mauerbau getwittert, und in Faccebook oder SchülerVZ gibt es Info-Gruppen. Doch Kreller und Kunstlehrerin Lüssau bezweifeln, dass so Wissen hängenbleibt. „Geschichte muss greifbar sein, nur so wird sie verständlich.“

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