Berliner Mauer : Gut geklebt hält besser

Vor der Wende wäre kaum ein Bastler auf die Idee gekommen, sich eine Minimauer zusammenzuleimen. 20 Jahre danach gibt Bausätze aus Papier und Plastik

Andreas Conrad
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Die Mauer steht – egal, ob der Bastler Bausätze in Postkartenform (Abb. oben und unten) oder aus Plastikformteilen (links und...

Jeder hat mal die Absicht, eine Mauer zu errichten – vorausgesetzt, er ist halbwegs fingerfertig, begeistert sich ebenso für Modelleisenbahnen wie neuere deutsche Geschichte und möchte beide Leidenschaften irgendwie verknüpfen. Da kommt er an Stützwandelementen vom Typ UL 12.41 kaum vorbei, in endloser Reihung kurz „Berliner Mauer“ genannt, im Original pro Segment 3,60 Meter hoch und 1,20 Meter breit, auf die Spielzeugspurbreite H0 heruntergerechnet auf 36 Millimeter Höhe und 12 Millimeter Breite. Der „antifaschistische Schutzwall“ en miniature, dafür aber, wie der auf Zubehör für Modellbahnen spezialisierte Hersteller Busch betont, mit den „typischen Betonabschrägungen im Fußbereich“.

Es musste ja so kommen: Als die Mauer noch stand, als verzweifelte Menschen sie zu überwinden suchten, dabei gefangen genommen wurden oder starben, hätte wohl kein Spielzeugfabrikant gewagt, dieses Gruselbauwerk auf Liliputdimensionen zu reduzieren. Verniedlichung eines Repressionsinstruments – der Vorwurf hätte nahegelegen. Knapp 20 Jahre nach dem Mauerfall ist auch hier Gelassenheit eingekehrt, und die nachgebildete Mauer samt weiterer Symbolgebäude der Teilung wird wie selbstverständlich offeriert, als Schauobjekt und zum Selberbauen. In der auf die Gegenwart konzentrierten Loxx-Modellwelt im Shoppingcenter Alexa spielt der Betonwall nur eine untergeordnete Rolle, als East Side Gallery vom Ostbahnhof. Im Hamburger Miniatur-Wunderland ist „Die geteilte Stadt“ dagegen ein eigener Schwerpunkt in sieben Dioramen, gebaut unter Beratung der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung.

Deren Detailtreue ist dem normalen Bastler versagt, er arbeitet nun lieber in Plastik oder in Papier, zur Ausstattung seiner Modellbahnanlage oder zwecks Anfertigen neuer Staubfänger fürs Regal. Eine frühe Version der Minimauer, ein erstmals Anfang 2003 angebotenes Modell des Anbieters Xzcute im Maßstab 1 : 40, knapp zehn Zentimeter hoch, war historisch noch nicht korrekt, führte vielmehr die Funktion der Betonwand als Träger dieser oder jener Botschaft in die (damalige) Gegenwart fort. Der von der Landschaftsplanung zum Modellbau gewechselte Andreas Seidel zeigte die Mauer über und über bedeckt mit amerikakritischer Politkunst: nicht also sozialistischer Bruderkuss, sondern die Irakkriegskameraden Bush/Blair Seite an Seite. Ein halbes Jahr später, mit Partnern, ließ er ein Bastelbuch zur East Side Gallery folgen.

Es geht noch winziger. Zur Not passt so ein Mauerbausatz auch auf eine Ansichtskarte. „Wir haben die Bastelpostkarte nicht erfunden“, weiß Tatjana Reimann von „BerlinerLuft“, aber Beispiele aus anderen Städten hatten die Architektin und ihren Kompagnon Uli Meyer angeregt, es auch einmal damit zu versuchen, und mittlerweile ist das auf Berlin konzentrierte Sortiment „ein Selbstläufer“, einschließlich dreier Mauerkarten. Die erste, seit 2006 angeboten, zeigt sechs Mauerteile an verschiedenen Orten, jeweils drei Zentimeter hoch, Vorlage war ein Fotoband. 2007 folgte Checkpoint Charlie in seiner heutigen Form, und weil Mauer und Kontrollhäuschen so gut liefen, hat man im Vorjahr gleich noch einen Wachturm ins Programm aufgenommen, nach dem Vorbild der Betonquader an der Puschkinallee in Treptow und an der Kieler Straße in Wedding.

Die Firma Busch aus dem hessischen Viernheim stieß 2004 zu den Mauerbauern. Zunächst bot man nur einen runden Wachturm an, wahlweise in rot-weißer Bemalung als Leuchtturm einsetzbar. Zusammengesetzt aus grauen Plastikringen, ist er höhenvariabel, daher auch für die Spur TT geeignet, als Zubehör gibt es Grenzzäune samt Pfosten, dazu Schilder zum Ausschneiden. 2006 folgte die Mauer selbst, 57 Zentimeter breit, dekorierbar mit zusätzlichen Graffiti-Bildern. Ab August schließlich gehört auch der Checkpoint Charlie zur Produktpalette, die Mauer muss also ganz gut laufen. Deren Käufer, so verrät man beim Hersteller, kommen mehrheitlich aus dem Osten.

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