Berliner Mauer : Lückenhafte Erinnerung

Schluss mit der Lücke? Bald entscheidet sich, ob ein 19 Meter langes Loch in der Mauer an der Bernauer Straße geschlossen werden soll.

Werner van Bebber
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19 Meter lang ist die Lücke in der Mauer. -Foto: Uwe Steinert

Die Lücke in der Mauer an der Bernauer Straße ist nur 19 Meter lang. Doch weil es sich bei 200 Metern beiderseits der Lücke um die Original-Grenzbefestigung aus Teilungszeiten handelt, ist die Lücke heute Anlass für einen Grundsatzstreit. Der Streit hat zwei Ebenen. Auf der ersten Ebene streiten Befürworter und Gegner einer Rekonstruktion der Mauer an der Bernauer Straße. Auf der zweiten Ebene geht der Streit ins Grundsätzliche. Diejenigen, die die Mauer an der Bernauer Straße wiederherstellen wollen, sind für eine möglichst plastische Darstellung des Todesstreifens. Ihnen passt im Grunde das gesamte Berliner Mauergedenkkonzept nicht. Der Ausbau der Gedenkstätte an der Bernauer Straße ist ihnen zu museal, zu künstlerisch, zu harmlos. Sie wollen eine Art Mauerpark, der die schauerliche Atmosphäre des früheren Todesstreifens hat. Sie sagen: Hunderttausende Touristen, die jährlich nach Berlin kommen und sich für die Teilungsgeschichte der Stadt interessieren, finden hier keinen Ort, der zeigt, wie das Grenzregime funktioniert hat.

Weil der Streit ein grundsätzlicher ist, kommt er in Berlin immer wieder hoch – auch wenn er, wie jetzt an der Bernauer Straße – gar nicht sinnvoll gelöst werden kann. Die Mauerlücke dort hat ihre eigene Geschichte, und die Eigentümer des Grundstücks mit der Lücke bestehen darauf, dass diese Geschichte nicht revidiert wird. Die Fläche mit der Lücke gehört der Sophiengemeinde. Deren Vertreter haben 1997 Teile der Mauer entfernen lassen. Das sollte ein symbolischer Abschied von der Mauer sein, ein politischer Akt mit der Aussage: Schon vor der Mauer war hier Geschichte. Tief unter dem Schutt, auf dem die DDR-Grenze errichtet wurde, befindet sich ein Grab mit Weltkriegstoten. Auch das verdiene Beachtung und Respekt.

Das Architektenteam, das im Dezember 2007 mit seinem Entwurf für den Gedenkstättenausbau den Wettbewerb gewann, tat mit der Mauerlücke genau das: Es respektierte sie. Die Lücke sollte mit rostenden Stahlstreben geschlossen werden. Von der Seite gesehen wird die Mauer (optisch) geschlossen. Doch kann man sie passieren – zwischen den Stelen ist Raum genug dafür. Daneben setzen die Architekten auf Spurensicherung im Gelände, Dokumentation des ganz persönlichen Mauerhorrors durch die Darstellung von Schicksalen auf dem ganzen großen Gelände, darüber hinaus ein Informationspavillon. Das Konzept sagt: Wer wissen will, wie das DDR-Grenzregime funktioniert, der kann es hier erfahren und an vielen Orten begreifen.

Also: Keine Mauer mit Flutlicht, Todesstreifen, Totenstille, abgesehen von Hunden an der Laufleine. Die Befürworter des Konzepts sagen: Wer unbedingt die Mauer mit Todesstreifen sehen will, der begebe sich in das Kohlhoff-Mahnmal zwischen den Stahlplatten, gegenüber dem Dokumentationszentrum. Doch auch das überzeugt die Kritiker, die Anhänger eines „Mauerparks“ nicht, die vor allem in der Berliner CDU zu finden sind. Schon während des Streits um die Kreuze und die wiederaufgebaute Mauer am Checkpoint Charlie 2004 ging es um die Frage: Braucht die Stadt einen Ort, an dem jeder Besucher sehen kann, wie die Teilung funktioniert hat? Die Debatte ist nicht nur inhaltlich brisant. Würde das Konzept für den Ausbau der Gedenkstätte gekippt und unter dem Stichwort „Mauerpark“ neu diskutiert, wäre das Gelände wohl am 13. August 2011, dem 50. Jahrestag des Mauerbaus, eine Baustelle.

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