Berliner Mauer : Posieren am Beton

Mit der Black Box „Kalter Krieg“ hat der Checkpoint Charlie eine weitere Attraktion – eine sehr informative, wie Besucher loben.

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„Not for sale“. Nein, die Mauer kann man nicht kaufen. Wäre ja noch schöner, wenn unerwartet ein Tieflader vorbeikäme, der Fahrer präsentierte einen Kaufbeleg und nähme die beiden Betonsegmente gleich mit. Kann aber nicht passieren, und damit niemand auch nur auf die Idee kommt, kein russischer, den guten alten Sowjetzeiten nachtrauernder Oligarch, kein Ölscheich und kein reicher Onkel aus Amerika, steht an jedem der beiden Mauerteile, die der neuen Black Box „Kalter Krieg“ schon draußen vor der Tür Authentizität verleihen, die Warnung in Messing: „Not for sale“.

Aber fotografieren darf man sie, und man muss nicht mal dafür zahlen: ohne Menschen, zur Dokumentation des Kalten Krieges, oder – und das ist bei weitem beliebter – mit Menschen, damit diese dann zu Hause beweisen können: Ja, ich habe die Mauer gesehen. Es ist ein Kommen und Gehen. Kaum hat das eine sich gegenseitig fotografierende Paar die getrennt stehenden, oben durch eine Betonhalbröhre verbundenen Mauerstücke freigegeben, rückt schon das nächste an und posiert mal neckisch an den Beton gelehnt, mal ernst in Hab-Acht-Stellung – wie’s beliebt.

Der erste Tag also, genauer: der erste reguläre. Denn der Freitag, als man nichts bezahlen musste, um den Inhalt der Black Box zu besichtigen, gilt ja nicht. Es ist mitten am Nachmittag, beste Touristenzeit also, und draußen herrscht auch schon wieder die am Checkpoint Charlie übliche, einem Historienjahrmarkt nicht ganz unähnliche Stimmung. Unentwegt Busladungen voller Touristen, babylonisches Stimmengewirr, dazwischen die in ihren Uniformen posierenden Schauspieler, die doch nur eine matte Ahnung vermitteln vom alten „Allied Checkpoint Charlie“. Aber das Bedürfnis nach authentischer Information ist unübersehbar: Die Menschen stehen vor den Fotowänden, die an der nordöstlichen Ecke Friedrichstraße/Zimmerstraße seit langem über den Kalten Krieg informieren, nehmen sich Zeit für Bilder und Texte. Wenn die alle zusammen die Black Box stürmten, hätte das Personal ein Problem, das nur eine Lösung zuließe: Wegen Überfüllung geschlossen.

Nun, das war nicht notwendig. Nicht gegen 15 Uhr, aber das mag Zufall sein, zeitweise ganz anders und insgesamt sehr zufriedenstellend, wie zwei der Black-Box-Hüter, die Namensschilder noch provisorisch handgeschrieben, versichern. Knapp zwei Dutzend Besucher haben die fünf Euro Eintritt gezahlt und schlendern nun durch die Exponate der Vergangenheit, vorbei an ihren Hauptdarstellern und Nebenpersonen, an Fotos und handfesteren Erinnerungsstücken. Zum Beispiel ein Paar aus Manchester, das erste Mal in Berlin, zu Besuch bei einem Freund, der aber draußen warte. Erster Eindruck? „Very interesting“ – gerade für einen wie ihn, der nicht sehr präzises Wissen über Berlin und die Mauer hatte, wie der Mann aus Manchester zugibt. „Very interesting“, sehr informativ – solche lobenden Worte sind oft zu hören. Eine Kongressbesucherin aus Frankfurt, die nach Ende ihrer Debatten Geschichte erleben wollte, ein Ehepaar aus Norwegen, das einfach zum Checkpoint Charlie kam und in der Black Box landete, zwei Kölner, der eine Berlin-Neuling, der andere mit touristischer Mauer-Erinnerung – sie alle loben die Schau. Nur die Kölner haben etwas zu kritisieren und verweisen auf die nahe Topographie des Terrors. Dort sei der Eintritt frei, das sollte man hier auch so halten. Schon wegen der Jugend. Andreas Conrad

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