Berlin : Berliner Mediziner lassen Kranke länger warten

Kassenärzte beschlossen Budgetreform Patienten müssen sich auf schlechtere Versorgung einstellen

Ingo Bach

Wochenlange Wartezeiten auf einen Facharzttermin und überfüllte Wartezimmer – das droht den Berliner Patienten ab dem 1. Juli. Dann werden für die niedergelassenen Ärzte in der Hauptstadt neue Praxisbudgets gelten. Das hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin jetzt beschlossen. Damit will KV-Chef Manfred Richter-Reichhelm erreichen, dass die Ärzte nur so viel arbeiten, wie ihnen tatsächlich bezahlt wird. „Derzeit erbringen die Mediziner 30 Prozent ihrer Leistungen umsonst“, schätzt Richter-Reichhelm. Ziel der Budgetreform sei es, die ärztlichen Leistungen um diesen Wert zu reduzieren. „Das wird für die Patienten sicher schmerzlich zu spüren sein, etwa durch längere Wartezeiten und weniger Service“, sagte der KV-Chef dem Tagesspiegel. Trotzdem werde jeder Kranke entsprechend der gesetzlichen Bestimmungen behandelt. So dürfe kein Arzt einen Notfall abweisen. Auf Termine für nicht dringliche Behandlungen, wie zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen beim Urologen oder Bestimmungen der Sehstärke beim Augenarzt dagegen müsse der Patient unter Umständen länger warten.

Bisher galt, dass jeder Doktor für medizinische Leistungen eine bestimmte Punktezahl erarbeitete, wofür er von der KV sein Honorar erhielt. Der Haken dabei: Je mehr Punkte alle Kassenärzte abrechneten, desto weniger war jeder Einzelne wert. Denn der Honorartopf ist begrenzt. Der Arzt erfuhr also immer erst nach Jahresende, wie viel er im abgelaufenen Jahr verdient hatte. Mit den neuen Individualbudgets hat jeder Punkt den genau definierten Wert von 5,11 Cents. Außerdem erhält jeder Mediziner ein Maximalbudget, dass sich an seiner bisher abgerechneten Leistungsmenge orientiert. Der Arzt hat dadurch immer den genauen Überblick, wann sein Budget aufgebraucht ist und er ohne Vergütung arbeiten müsste. „Wir werden die Kassenärzte auffordern, möglichst schon zu Beginn eines Quartals die Leistungen so auszudünnen, dass das Budget bis zum Quartalsende reicht“, sagt Richter-Reichhelm. Allerdings liege es allein in der Verantwortung jedes Arztes, ob er zum Beispiel seine Praxis schließt oder im Interesse seiner Patienten ohne Lohn arbeite, wenn sein Budget erschöpft ist. Die Neuregelung gilt zunächst übergangsweise, bis neue bundesweite Vorgaben verabschiedet sind, was bis spätestens Mitte 2004 der Fall sein soll.

Die Berliner KV orientiert sich an ihrer Schwesternorganisation im Rheinland, die schon seit 1999 Erfahrungen mit den Individualbudgets sammelt: „Unsere Ärzte haben ihre Leistungen um zehn Prozent zurückgefahren“, sagt Karin Hamacher, Sprecherin der KV. Die Folge: „Bei aufschiebbaren Untersuchungen beim Facharzt müssen Patienten im Schnitt bis zu acht Wochen auf einen Termin warten.“ Viele Ärzte im Rheinland machten öfter Urlaub oder schlössen wegen Fortbildungsveranstaltungen ihre Praxen, sobald ihr Budget aufgebraucht ist. Bei den Medizinern, die sie vertreten, sind die Wartezimmer entsprechend überfüllt.

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