Berliner Mitte : Umstrittene Badewanne

Die „Visionen“ zur Neugestaltung der Berliner Altstadt regen entweder an oder auf. Kritiker verweisen auf die Geschichte, Befürworter auf die Naherholung.

Thomas Loy
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Zentral-Freibad. So könnte die Berliner Altstadt aussehen (links). Interessant besonders für Wassersportler. Die DDR hatte...

Das Volk darf mitdiskutieren, immerhin geht es ja um die Mitte der Stadt. Zur „Bürgerwerkstatt“ konnte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher am Donnerstagabend rund 200 Profi- und Laienstadtplaner begrüßen, etwa doppelt so viele wie erwartet. Dicht gedrängt ließen sich die Besucher von den Architekten der Büros Graft, Kiefer und Chipperfield ihre “Visionen“ für die ehemalige Altstadt Berlins zwischen Alexanderplatz und Spree erläutern, nachher durften sie ihre Kommentare auf große Tafeln schreiben. Die Visionen sind ein großer Stadtpark, ein archäologischer Garten, ein großes Forum mit Bühne und die „Badewanne“, eine schiffbare Wasserfläche mit Uferterassen. Die Altstadt zu fluten fand überraschend viele Anhänger. Diese abstrus anmutende Idee sei durchaus realisierbar, erklärten die Architekten. Man habe sich das von den Wasserexperten des Senats bestätigen lassen.

Zur Rekonstruktion der alten Stadtstruktur gab es keinen Entwurf. Ein älterer Bauingenieur nahm dies als Indiz für die grassierende „Geschichtslosigkeit“, ein pensionierter Verkehrsforscher fühlte sich an „Speer-Planungen“ erinnert, zwei Stadtpanungs-Studenten fanden die Ideen „zu abgehoben“, und ein Redner forderte, mal eine wirkliche Großstadtkulisse mit Hochhäusern „wie in Downtown Manhattan“ vors Rote Rathaus zu stellen. Zumindest versuchsweise auf dem Papier.

Und was denken die Politiker? Eine große Badewanne mitten in Berlin sei doch etwas albern, sagt Franziska Eichstädt-Bohlig, Bauexpertin der Grünen. Sie könnte sich eher mit dem „archäologischen Garten“ anfreunden, der inmitten einer Parklandschaft ein großes Fenster in die Vergangenheit öffnet. Damit wäre auch dem Parlamentsbeschluss Rechnung getragen, einen „grüngeprägten Raum“ zu schaffen. Kulturstaatsminister André Schmitz lehnt Lüschers Visionen rundweg ab. Sie ignorierten die Geschichte der Stadt, meint er. Ein Wasserbecken sei bereits im Jahr 1959 vorgeschlagen und wieder verworfen worden. Berlin brauche auch keinen neuen „Aufmarschplatz“.

Volker Hassemer, Vorsitzender der Stiftung „Zukunft Berlin“, findet die Architekturvisionen „hilfreich“, damit sich die bekannten Akteure der Stadtplanung mal von ihren „Lieblingsideen“ lösen – das zielt auf den früheren Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der den AltstadtGrundriss rekonstruieren möchte. Stimmann wollte sich zu den Entwürfen nicht äußern.

Volker Härtig, Geschäftsführer der Stiftung Denkmalschutz Berlin, reagiert ungnädig. „Die Entwürfe offenbaren ein hohes Maß an Beliebigkeit und Konzeptionslosigkeit.“ Man sollte sich besser um die Stadtgeschichte und ihre Relikte kümmern als eine „inhaltslose Weite“ zu schaffen. Ähnlich äußert sich der Architekturhistoriker Dieter Hoffmann-Axthelm: „Ein Stadtwald gehört nicht ins Zentrum.“

Thomas Flierl, Bauexperte der „Linken“, begrüßt die Lüscher-Visionen, auch um „Altmännerdiskussionen“ (noch ein Seitenhieb auf Stimmann) zurückzudrängen. Die Altstadtfläche sei „unterbenutzt“, sollte also behutsam bebaut werden, ohne die Sichtbeziehungen zwischen Fernsehturm, Rathaus und Marienkirche zu kappen.

Zum Thema Badewanne hat Landeskonservator Jörg Haspel noch einen wichtigen Hinweis: Durch die Ausräumung des Untergrundes würde die verlorene Altstadt endgültig ausgelöscht, denn es fänden sich im Boden viel mehr „Baudenkmäler“ als ursprünglich vermutet (mit dpa)

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