Berlin : Berliner Muslime: Das große Schweigen

Tanja Buntrock

Eigentlich ist am Tag nach dem amerikanischen Gegenschlag alles wie immer in Neukölln. Hier, wo viele der muslimischen Berliner leben. Die Hauptstraßen sind belebt, die Leute machen ihre Besorgungen. Wie sehr ist die aktuelle politische Situation ein Thema gerade unter Türken? Die Frage ist nicht beliebt. Wer angesprochen wird, antwortet zurückhaltend oder gar nicht.

Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
7.10., 18.45 Uhr: Wie der Gegenschlag begann
Hintergrund: US-Streitkräfte und Verbündete
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
Chronologie: Terroranschläge in den USA und die Folgen
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags
Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? In einem der türkischen Cafés in der Hermannstraße sitzen Männer beim Kartenspiel, eingehüllt in Zigarettenrauch. Aus den Lautsprechern tönt türkische Musik. Keine Nachrichten. Was sie über den Gegenschlag der Amerikaner denken? Keine Reaktion. Angeblich spricht niemand Deutsch. Doch nach einer Weile beginnt eine Diskussion auf Türkisch, dann sogar auf Deutsch. Einer wird wütend. "Die Amerikaner sind selbst Terroristen", sagt er, springt wütend von seinem Stuhl auf und verlässt den Raum. "Was erzählst Du für einen Mist?" ruft ihm ein anderer hinterher, während er die Steine seiner Gebetskette durch die Hand gleiten lässt. "Jeder Terrorist muss ausgerottet werden, egal wo er herkommt. Wenn die Amerikaner nur bin Laden und seine Leute bombardieren, dann weiter so." Die Anderen am Tisch wollen nichts weiter sagen. Nicht zu den Terroranschlägen in Amerika, nicht zum Gegenschlag. Niemand möchte seinen Namen nennen oder gar sein Foto in der Zeitung sehen. Zu spüren ist aber, die Stimmung ist nicht eben amerikafreundlich.

Nebenan im Telefonladen heißt es nur: "Der Chef ist nicht da. Ich sage nichts." Auch der Gemüsehändler gegenüber verweist in Sachen "Gegenschlag" auf seinen Chef, der aber nicht im Laden sei. Als der 15-jährige Hayvan davon mitbekommt, mischt er sich ein. "Natürlich haben wir Angst vor einem Krieg", sagt er aufgeregt. "Die Anschläge von beiden Seiten sind Schwachsinn." Ja, er glaube, dies könne der Beginn eines Weltkrieges sein.

Um die Ecke ein weiteres Café, in dem türkische Männer Tee trinken . "Was soll man dazu sagen?" fragt Metin Say, der Inhaber, und schickt die Antwort gleich hinterher: "Es ist eine Katastrophe." Vier seiner Gäste verlassen das Café. "Ist Berlin jetzt nicht die sicherste Stadt?", fragt ein älterer Gast am Tresen. Nein, sagt Metin Say. Trotz der Sicherheitsvorkehrungen sei die Situation unangenehm. "Ständig kann doch etwas passieren." Mit einem der Männer am Tresen ist er sich einig: bin Laden müsse getroffen werden, Zivilisten aber keinesfalls. Doch die Männer meinen auch: Es gebe viele Ungereimtheiten auf der US-Seite. Ein weiterer Gast muss plötzlich gehen. Er sei krank geschrieben, sagt er. Und im Gehen fügt er an: "Der Krieg war doch lange vorher geplant."

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