Berlin : Berliner Nachrufe: Antonie Bauch - geboren 1909

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hr Gebetbuch ist abgenutzt, der Umschlag abgegriffen, die Seiten zerlesen. Niemand hat gezählt wie viele tausend Mal die gläubige Katholikin das Gotteslob aufschlug. Antonie Bauchs Leben ist in vielem das einer Bilderbuchkatholikin.

Für sie war das Gebet, die Zwiesprache mit Gott, fester Bestandteil ihres Lebens. Nicht nur in Notsituationen und Krisen war es ihr ein freudiger, auch tröstlicher Begleiter. "Wenn Sie betete", erinnert sich Marlies Dehe, eine entfernte Verwandte, "war es viel mehr als ein Ritual. Jedes einzelne Wort hatte für sie eine Bedeutung, kam aus tiefem Herzen."

Der Wunsch, sich nützlich zu machen in der Welt

Aus diesem Glauben entsprang wohl auch der Wunsch der jungen Frau, sich nützlich zu machen in der Welt. Im Jahr 1938 beschloss die damals 29-jährige Antonie Bauch, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie verließ den elterlichen Bauernhof und schloss sich der Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes an. Eine Entscheidung, die im Nachhinein Rätsel aufgibt. Warum trat die Katholikin keinem konfessionellen Orden bei? Warum entschied die Frau sich für die weltlichen DRK-Schwestern?

Ihre beste Freundin, die ebenfalls katholische DRK-Schwester Dorothea, hätte dieses Rätsel vielleicht lösen können, doch wie viele ihrer Freunde und Freundinnen starb sie lange vor Antonie Bauch. War es einfach Zufall oder waren der jungen Frau aus Breslau die Freiheiten außerhalb der Ordensgemeinschaft, wie die Verwandte Marlies Dehe denkt, einfach wichtiger? Eine exakte Antwort darauf wird es nicht mehr geben. Ihre Religiösität blieb von dieser Entscheidung unberührt.

Die Jahre nach ihrem Eintritt in die DRK-Schwesternschaft verbrachte Schwester Toni, wie sie von nun an genannt wurde, an häufig wechselnden Einsatzorten. 1940 wurde sie zur Wehrmacht einberufen und in den Reservelazaretten in Schweidnitz, Brieg, Hirschberg und Riedenberg eingesetzt. Aus dieser Zeit der so genannten Soldatenpflege bewahrte sie viele Fotos.

"Liebenswerte Fotos", sagt Marlies Dehe, die die Fotokisten mit der Nenn-Tante zusammen durchgesehen hat. Viele weit verstreute Freunde und Freundinnen habe sie gehabt. Kein Wunder, wurde Schwester Toni doch unzählige Male versetzt.

Noch mit über 90 bessertesie eigenhändig ihre Kleider aus

Nach Kriegsende konnte sie nicht in ihre Schwesternschaft nach Birkenwäldchen in Breslau zurückkehren. Aber nach den Stationen Amberg, Riedenberg, Pfarrkirchen und Wallershof kam sie 1955 zunächst als Gastschwester nach Berlin, ins DRK-Krankenhaus Jungfernheide. 1962 trat sie in die DRK-Schwesternschaft Luisen-Cecilienhaus ein. Hier fand sie als Krankenpflegerin und in der Gemeinschaft der Schwestern ein neues Zuhause.

Als sie 1973 in Pension ging, entschied sie sich für einen Ruhestand im Kreis von Gläubigen. Sie zog mit ihrer Freundin Schwester Dorothea ins Bernhard-Lichtenberg-Haus nach Charlottenburg. Dort lebte sie äußerst bescheiden bis zum Schluss. Noch mit über 90 Jahren besserte sie eigenhändig ihre Wäsche aus, häkelte Topflappen und managte ihr Leben so gut es ihre Gesundheit zuließ. Die allerdings wurde immer schlechter. "Sie lebte gern", sagt Marlies Dehe, "aber sie hatte auch keine Angst vor dem Tod."

Im Reinen mit sich, mit der Welt und Gott starb Antonie Bauch vor einigen Wochen in ihrer gewohnten Umgebung im Bernhard-Lichtenberg-Haus. "Was Gott tut, das ist wohlgetan", das war eines ihrer Lieblingslieder.

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