Berlin : Berliner Nachrufe: Eugene von Grona Geb. 1908

jmw

Wie beschreibt man einen, der selbst kaum wusste, wer er ist? Vielleicht mit den Namen, die er getragen hat: Eugene von Grona, Berliner Gymnasiast, Geigenschüler, Sohn eines jüdischen Bankiers. Später dann Eugene van Grona, nach Amerika ausgewanderter Swingtänzer aus Amsterdam. Und schließlich Gene van Grona, Choreograph Schauspieler, Lebemann aus New York.

Zwischen Eugene, dem 1908 geborenen Sohn aus gutem Hause, und Gene, dem vergessenen Broadwaystar in einem Berliner Altenheim, liegen fast ein Jahrhundert und ungezählte Begegnungen mit Größen, die die Kultur des 20. Jahrhunderts mit geprägt haben: George Gershwin, Erwin Piscator, Tennessee Williams. Gene van Grona, sagen manche, wäre einer von ihnen gewesen, wenn er sich nur dazu hätte entscheiden können. "Er hat im Leben nie etwas ernst genommen", sagen sie.

New York, Ende der Zwanziger: Eugene hat Deutschland den Rücken gekehrt. Er ist sich ganz sicher: Jenseits des Ozeans, in dem Land, aus dem seine Mutter stammt, wird er das Glück finden. Doch er ist arm, und Leni, seine junge Frau, ist von ihren Eltern enterbt worden, weil sie mit ihm mitgegangen ist. Was tun? Für Eugene gibt es nur eins: tanzen. Die Leidenschaft, für die er als 12-Jähriger in seine Geige gesprungen ist und damit den Traum seiner Mutter von einem Geigenvirtuosen als Sohn beendet hat. Van Grona nennt er sich, der Deutschfeindlichkeit wegen, tingelt mit Leni durch die Clubs von Manhattan, und sie verdienen ihr Geld mit Swing. Es ist die Zeit, in der mit dem Expressionismus eine neue Epoche heraufgezogen ist. Und Eugene, der inzwischen Gene heißt, schrammt das erste Mal an der großen Karriere vorbei. "Maschinentanz" heißt seine Choreographie, eine Verbindung von Expressionismus und Ausdruckstanz. Der Mensch als Sklave der Maschine, das ist die Idee. Gene tanzt wie ein Zahnrad, wie eine Dampfturbine, ruckartig, seelenlos. New York ist begeistert. Und van Grona verliert die Lust. Heute nennt man expressionistischen Ausdruckstanz "Modern Dance"; am Broadway eine große Nummer.

Gene und Leni tanzen wieder Swing und werden es noch Jahrzehnte tun, wenn erneut Ebbe in der Kasse ist. Doch Gene hat schon neue Pläne: Er geht nach Harlem und gründet Mitte der Dreißiger das erste Schwarzenballett samt Symphonieorchester. Gene entwirft die Choreographie, Duke Ellington schreibt "Sunday Morning". Meistens aber spielen sie Musik von George Gershwin. Der macht Gene ein Kompliment, das er nie vergessen wird: "You understand my music." Premiere am Broadway, wie immer in der Radio City Music Hall. Die ersten Vorstellungen: ausverkauft. Dann stören sich New Yorks Stadtväter an dem Treiben und verbannen das schwarze Ballett nach Harlem. Ein, zweimal kommen sie noch rausgefahren, die Reichen und Schönen, in langen Fahrzeugkonvois, dann nicht mehr - das Projekt scheitert.

Gene mag der Misserfolg recht gewesen sein, so kann er etwas Neues anfangen. Er baut ein Theater in Houston auf, begegnet Erwin Piscator. Piscator war vom Maschinentanz beeindruckt, und so bietet er Gene für seinen Film "Stage Struck" die Ausgestaltung der Tanzszenen an. Es ist ohnehin Zeit: Seine Bemühungen, erneut eine Schwarzentruppe zusammenzustellen, gestalten sich schwierig. So beteiligt er sich an Piscators "Dramatic Workshop" und unterrichtet an der "Summer School" des Regisseurs. Schüler sind Tony Curtis, Lee Strasburg, Marlon Brando. Gespielt wird Brecht, Sartre, Shakespeare. Doch dann kommt Gene sein Freiheitsdrang in die Quere: Er will Swing tanzen.

Beichte eines Komödianten

Wer fragt, wann genau dieses oder jenes passiert ist, bekommt keine Antwort. Gene hat es nie erzählt. Vielleicht, weil es ihn nicht gekümmert hat. Wahrscheinlich, weil er es selbst nicht wusste. Was für ihn zählte, war die Gegenwart. Deswegen mochte, als er alt war, kaum noch einer glauben, was er erlebt hat. Da ist er mit seiner Lebensgeschichte auf Tour gegangen, in Theatern, Altenheimen und Tanzstudios. Ist gehüpft und hat sich gedreht, bis er neunzig war. "Beichte eines alten Komödianten" hieß seine Show. Einmal hat er es ins Fernsehen geschafft: eine Dreiviertelstunde in der ARD.

Warum er 1965 zurück nach Deutschland gekommen ist? Wohl, weil wieder etwas Neues dran war: Piscator holt ihn für eine Inszenierung an die Schaubühne. Doch kaum ist er zurück, stirbt Piscator. Gene gibt nicht auf. Er gründet eine Jazzschule, schreibt Musicals, und fast wird er Leiter des NDR-Fernsehballetts. Doch dann macht er einen Rückzug. Er will selbst tanzen.

Auch diese Seite gehört zu Gene: Im Mittelpunkt seiner Welt steht er. Und ebenso wenig, wie er dauerhaft bei einer Sache bleiben kann, ist er in der Lage, sich nur an einen Menschen zu binden. Leni bekommt das zu spüren. Immer wieder betrügt er sie, am liebsten mit Männern. Doch ganz gleich, was er tut: Keiner, sagen seine Freunde, kann es ihm auf Dauer verübeln. Und so ist es einer seiner Liebhaber, der Leni und Gene in den letzten Jahren ihres Lebens pflegt. Bis sie stirbt, er sich das Bein bricht und im Rollstuhl sitzt. Das Ende eines Tänzers.

Auch wenn kaum einer ihn kennt und nur wenige sich an ihn erinnern werden, hat er es geschafft, dem 20. Jahrhundert seinen Stempel aufzudrücken. Insofern gehört er doch zu den ganz Großen.

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