Berlin : Berliner Nachtarbeiter: Güven Yilmaz, Page

Güven Yilmaz putzt während seiner Nachtschichten im Adlon manchmal Schuhe, die so teuer sind wie die Zimmer. Nachts ist der 22-Jährige der einzige Page in dem großen Haus. Gegen zwei Uhr, wenn auf den Etagen des Hotels Stille herrscht, fährt er mit Schuhcreme und Polierzeug in den sechsten Stock hinauf. So wie heute. Lang und ruhig liegt der lange Gang vor ihm. Vor einigen Zimmern stehen Schuhe. Hier ein Paar schwarze Herrenschuhe, dort ein Paar helle Pumps. Güven Yilmaz läßt sich vor den Herrenschuhen nieder. Mit einem Tuch staubt er sie ab. Dann gibt er mit dem Pinsel die schwarze Schuhcreme auf das Leder. Alles ganz bedacht. Erst beim Polieren werden seine Bewegungen schneller. Leise fängt er zu Summen an. "Ich mag diese Ruhe bei der Arbeit", sagt Güven Yilmaz, "und die habe ich nur bei der Nachtschicht".

Beim einsamen Schuheputzen hat der Page die Muße, seinen Gedanken nachzuhängen. "Da denkt man zum Beispiel an die Freundin", sagt er. Es sei denn, man steht vor einer der Türen plötzlich einem beruflichen Problem gegenüber. "Bei den Schuhen aus echtem Schlangenleder kam ich neulich schon ein wenig ins Schwitzen", erzählt er. Womit sollte er die nur putzen? Bloß keinen falschen Handgriff machen. Schuhcreme könnte die teuren Stücke ruinieren. Aber nach kurzer Überlegung brachte er auch sie zum Glänzen. Einfach nur mit einem Polierschwamm. Einem niegelnagelneuen natürlich. "Es ist schon Wahnsinn, was da manchmal für edle Exemplare dabei sind", sagt der junge Page, der inzwischen alle guten Marken kennt.

Neben dem nächtlichen Schuheputzen hat er auch andere Aufgaben. In seiner Schicht von 22.30 Uhr bis 7 Uhr morgens gibt es häufig Botengänge zu erledigen. Er fährt die Autos der Gäste ins Parkhaus und bringt ihnen morgens die Zeitung aufs Zimmer. Wenn es nachts einem Gast schlecht geht, und er ein Medikament benötigt, ist es meist Güven Yilmaz, der zur Notapotheke sprintet. Eigentlich seien Pagen immer zu Fuß unterwegs, aber wenn es mal ganz eilig ist, wird ihm auch erlaubt, den Wagen zu nehmen. Dem jungen Mann, der sein Abitur auf einem deutschen College in Istanbul bestanden hat, machen Nachtarbeit und wechselnde Arbeitszeiten nichts aus. "Das ist Voraussetzung, wenn man in der Hotellerie Fuß fassen will", weiß er. Einen ungewöhlichen Rhythmus ist er schon vom College gewöhnt. "Dort haben wir manchmal bis 6 morgens gebüffelt, nachdem wir vorher mit den Mädels aus waren." Wenn er jetzt nach der Nachtschicht um 8 nach Hause kommt, legt er sich gleich hin. Aber mehr als zwei Stunden kann er dann selten schlafen. Da klingelt es plötzlich hinter seiner roten Uniformjacke. Ein neuer Auftrag.

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