"AC/DC, da bin ich mehr für"

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Berliner Nachtleben : Ein Jahrhundert Clärchens Ballhaus
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Höchstens einer, Günter Schmidtke, aber der ist gerade jetzt im Remmidemmi der Partyband The Orworms so schwer zu verstehen. Schmidtke ist der Patriarch vom Ballhaus und als solcher weit über die Grenzen der Stadt bekannt. Seit 1976 steht er freitags und samstags, an den lauten Tagen, in Schlips und Kragen in der schmiedeeisernen Garderobe. Die Mutter und die verstorbene Frau arbeitete auch hier. Tochter Ilka, Schwiegersohn Lothar und Enkel Max tun es immer noch. Wenn hier was mythisch ist, dann er, Schmidtke, nur weiß er nichts davon.

„Mädelken, sag’ Günter zu mir“, sagt er und hält seinen Bizeps zum Reinkneifen hin. Früher war es hier fürchterlich, behauptet er. „Allein den ,Schneewalzer’ gab’s fünfmal pro Nacht. Jetzt ist Jugend hier, Shakira und AC/DC, da bin ich mehr für.“ Und dass das Ballhaus so friedlich geworden ist, gefällt ihm. Zu DDR-Zeiten, als ein Bier 50 Pfennig kostete, habe es viermal die Woche Keilerei gegeben. „Handgelenk, Brustbein, Rippe – alles schon gebrochen.“

Davon kann auch Klaus Schliebs vorne an der Tür einiges erzählen. Ist gerade mal vier Monate her, da hat ihm ein Gast das Bierglas ins Gesicht gehauen. Fast wäre ein Auge weggewesen. Nicht so dramatisch, findet er. Die in der Charité hätten das gut wieder hinbekommen. „Sieht doch wie eine Lachfalte aus.“ Er hängt viel zu sehr am Clärchens, um wegen so einer Lappalie Schluss zu machen.

Schliebs und Schmidtke – das ist die alte Ballhaus-Schule. Ersterer küsst den Damen die Hand, letzterer nimmt kein Trinkgeld von ihnen an.

Die Tür geht auf. Ein früherer Gast will ein Foto mit Schmidtke. Damals in den Achtzigern, als er noch bei der NVA, beim Wachregiment Feliks Dzierzynski war, hat er hier gerne verkehrt. Auch gute 25 Jahre her, aber der Garderobier erkennt den Thüringer. Der zeigt seiner Familie das Ballhaus. „Mensch, Clärchens müssen die doch gesehen haben!“

Das dachten in den 70er und 80er Jahren auch viele West-Berliner und Gastarbeiter. „Tripperhöhle“ wird das von der Stasi beinhart durchprotokollierte Ballhaus wegen seiner bis zur Prostitution florierenden Beziehungsanbahnungen da auch genannt.

Clärchens Ballhaus wird 100
Originalplakat. So warb das Ballhaus in der Auguststraße Mitte der 30er Jahre für sich.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Archiv Clärchens Ballhaus
26.04.2013 16:52Originalplakat. So warb das Ballhaus in der Auguststraße Mitte der 30er Jahre für sich.

Samstagnacht, die Orworms spielen Hot Chocolate, „You Sexy Thing“, der ganze Saal singt mit. Großraumdisko unterm Flimmerballon, wie die Diskokugel bei alten Ballhaus-Gästen heißt. Ein Herr im feinen Zwirn übt Breakdance für zwei Blondinen. Von rechts nähert sich ein Mann. Jungenhaft, schwarzes Westernhemd, Cola-Rum in der Hand, angesäuseltes Lächeln. „Was machst du da“, fragt er, „Tagebuch schreiben?“ In Clärchens Ballhaus ist es tatsächlich leicht, nicht allein zu bleiben.

Die Band donnert gerade „Another One Bites The Dust“ als sich ein Ehepaar, Mitte 50, im Gänsemarsch aufs Parkett wühlt. Es hat auch noch eine vom Alter gebeugte Großmutter im Schlepp.

Das ist das Ballhaus.

Tanzstunde im Spiegelsaal.
Tanzstunde im Spiegelsaal.Foto: David Heerde

Und das Staunen darüber wirkt noch, da nähert sich von links ein Mann. Groß, schwarz, kurze Dreadlocks. Mit dem Klassiker „What’s your name?“ fängt auch im Mikrokosmos Clärchen wie überall auf der Welt das Angraben an. Das Merkwürdige daran: Nichts an diesen Begegnungen krampft oder nervt. Die Leute hier trauen sich was. Sie sind betrunken, sie lassen sich gehen. Und sie sind herzlich dabei.

Sonntag beim Tanztee ist die Nacht aus dem Saal gewaschen. Die Nachmittagssonne fällt zum Fenster herein, vom Hof weht Frühlingsluft. Frank Sinatra singt „New York State of Mind“. Gesetzte Paare swingen übers Parkett. Touristen bekommen glänzende Augen ob dieses einwandfreien Berlin-Gefühls. Gruppen beugen sich übers Kaffeegedeck.

„Tanzen Sie?“ fragt der Tischnachbar, ein höflicher Pensionär aus Schöneberg, der seit zwei, drei Jahren jeden Sonntag kommt. Die sorgfältig ondulierte Witwe aus Marzahn ein paar Tische weiter ist unzufrieden. „Ich gehe lieber wieder ins Café Keese, das hat mehr Niveau.“

Selbst Günter Schmidtke streift mit müder Miene in Zivil durchs Ballhaus. Das Tanzverbot der Nazis, die Bombe, die 1945 das Vorderhaus pulverisierte, die sozialistischen Schurigeleien gegen den Privatbetrieb, die Moden. Und es dämmert die Erkenntnis, ein Ballhaus, das muss gar keine Metapher sein. Es braucht keinen Überbau, keine Deutung. Nicht, solange es lebt. Nicht, solange getanzt wird. Nicht, solange es Prinzessinnen gibt.

So wie die da vorne. Hochgewachsen, die weißen Löckchen hochgesteckt, die Nägel rot, den grazilen Körper mit Pailletten und schwarzer Spitze bedeckt. Das ist Lona Jakob, Jahrgang 1922, die jeden Sonntag aus Lichterfelde herkommt. Sie müsse einfach tanzen, sagt sie. „Weil es Liebe, Freude, ja mein Leben ist.“ Ihr Beruf war es auch. Vor dem Krieg ist sie sogar mit Jopi Heesters im Admiralspalast aufgetreten. Clärchens Ballhaus kennt sie seit 1948, ein Jahr später hat es oben im Spiegelsaal zwischen ihr und ihrem Mann gefunkt. Leider jung verstorben, winkt sie ab.

„Sie tanzt wie eine Biene“, schwärmt der Pensionär aus Schöneberg, der sie eben aufgefordert hat.

Aus dem Nachmittag wird langsam Abend, „Que sera, sera, what ever will be, will be, the future’s not ours to see“, singt Doris Day. Das Lametta glänzt golden, die Walzerzentrifuge dreht sich.

Erschienen auf der Reportage-Seite.

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