Berliner Nachtleben : Ein Jahrhundert Clärchens Ballhaus

Tanzverbote, Weltkriegsbomben, Witwenbälle und Flimmerballons – Clärchens Ballhaus hat viel erlebt, seit es vor 100 Jahren eröffnet wurde. Aber noch immer geht es um die simple Frage: „Tanzen Sie?“.

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Nächtlicher Aufzug. Das Vorderhaus vom Clärchens Ballhaus an der Auguststraße wurde von einer Fliegerbombe weggesprengt.
Nächtlicher Aufzug. Das Vorderhaus vom Clärchens Ballhaus an der Auguststraße wurde von einer Fliegerbombe weggesprengt.Foto: David Heerde

Die da vorne etwa. Das Kinn himmelwärts gereckt, die Augenlider flackern konzentriert. Aschblond das schüttere halblange Haar, die Züge verhärmt, die Beine nur Stöckchen, der Volantrock von gestern, aber diese Haltung. Stolz, fast herrisch.

Oder die dort. Den Kopf mit Turban getarnt, der Körper rund, die Beine Stampfer, ein Wallegewand als Panzer, aber das hoheitsvolle Lächeln und dieses Rhythmusgefühl. Fließend, federnd, elegant.

Zwei Prinzessinnen. Auf der Straße sähe das niemand. Aber hier auf dem Parkett und umringt von Tanzpaaren, die sich holpernd oder auch zutiefst harmonisch über die Tanzfläche bewegen, hier bekommen sie Szenenapplaus.

Donnerstagabend in Clärchens Ballhaus. Das heißt Standardtanz. Walzer, Foxtrott oder Latein. Das ist die Bühne der Unscheinbaren, Schauraum für Gaffer, Sehnsuchtsort oder einfach nur Feuerwehrball. Bei „Yes Sir, I Can Boogie“ ist die Tanzfläche voll. Mit Pumps, Turnschuhen, Riemchensandaletten, Slippern. Mit Verliebten und Einsamen, Schönen und Hässlichen, Reichen und Armen, Jungen und Alten, mit Jenny aus Australien und Bernd aus Pankow. Sie kreiseln durch den Saal, verbunden im Tanz, im Strom des Lebens und der Zeit. Das ist Clärchens Walzerzentrifuge, ein beim Hinsehen immer weiter verschwimmendes Bild.

Clärchens Ballhaus wird 100
Originalplakat. So warb das Ballhaus in der Auguststraße Mitte der 30er Jahre für sich.
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1 von 8Foto: Archiv Clärchens Ballhaus
26.04.2013 16:52Originalplakat. So warb das Ballhaus in der Auguststraße Mitte der 30er Jahre für sich.

Dabei ist das hier gar kein poetischer, sondern ein konkreter, geradezu handgreiflicher Ort. Ob Tänzer oder Nichttänzer ist völlig egal. Kein Tourist, der wenn auch zufällig hier, kein Stammgast, dessen Augen nicht glitzern, wenn er unter der bröckeligen Hausfassade in der Auguststraße durchtaucht und den Saal betritt. Da, wo an der Wand Lametta in langen Streifen von der Decke hängt und glänzt, und Nelken auf betagten Tischen stehen.

Clärchens ist das populärste der drei Überbleibsel versunkener Ballhauskultur in Mitte. Das einzige, das als eines von 900 Berliner Ballhäusern der Kaiserzeit bis jetzt überlebt hat, so dass noch täglich Tanz ist. Keine leichenblasse Legende, sondern ein gewachsener lebenspraller Ort. Eine Institution, vielfach beschrieben, fotografiert, gefilmt. Am 13. September wird die einst als Bühlers Ballhaus gegründete Amüsierstätte nun 100 Jahre alt. Auftakt der Festivitäten ist schon jetzt.

Was haben die Wände, Stühle, die rissigen Spiegel im oberen Saal nicht alles gesehen?

In der Kaiserzeit, als Fritz Bühler und seine Frau Clara – die eigentliche Chefin des Etablissements – den Tanzsaal eröffnen, gehen schneidige Offiziere ebenso wie einfache Leute aus der Spandauer Vorstadt ein und aus. Der Spiegelsaal dient als Fechtboden für schlagende Verbindungsstudenten. Und nach den Weltkriegen, in denen das Tanzen jeweils eine Zeit lang verpönter als das Töten ist, holt die erst verwitwete und dann wieder verheiratete Clara Habermann die überschüssigen Frauen gezielt zu Witwenbällen ins Haus.