• Berliner Ökoaktivisten: "Wir legen nur Autos lahm, die mehr als zehn Liter verbrauchen"

Berliner Ökoaktivisten : "Wir legen nur Autos lahm, die mehr als zehn Liter verbrauchen"

Sie kommen nachts und lassen „Klimakillern“ die Luft aus den Autoreifen. Zwei Umweltaktivisten sprechen mit dem Tagesspiegel über ihre Motive und kündigen an weitere Autos „tieferzulegen“.

Platte reifen
Platt gemacht. Die Ökoaktivisten rauben den Autofahrern mittlerweile den letzten Nerv. -Foto: BZ/Spree-Picture

BerlinSeit Wochen sind die Ökoaktivisten in Berlin am Werk. Sie lassen die Luft aus den Reifen. „Wir wären ihnen sehr verbunden, wenn Sie die kurzfristige Stilllegung ihres Riesenautos in eine langfristige verwandeln würden“, steht auf den Bekennerschreiben. Nach Polizeiangaben wurden schon mehr als 200 Fahrzeuge lahm gelegt. Die meisten davon in Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf.

Vor kurzem wurden erstmals drei mutmaßliche Täter von der Polizei in Wilmersdorf verhaftet. Ihnen wird Sachbeschädigung in acht Fällen vorgeworfen. Sie saßen 15 Stunden in Untersuchungshaft. Gleichzeitig wurden ihre Wohnungen durchsucht. Dabei sind sich Juristen nicht ganz einig, ob es sich beim Luft-ablassen tatsächlich um Sachbeschädigung handelt oder nicht.

Was wollen Sie damit erreichen?

  
Peter Bergmann:* Für mich geht es hauptsächlich darum, eine öffentliche Diskussion anzuregen. Wir wollen Grenzen und Gesetze überschreiten, um auf die Problematik des Klimawandels aufmerksam zu machen. Das manche Autos das fünffache an Sprit schlucken und an CO2 ausstoßen, als unbedingt nötig wäre, ist schon schlimm genug. Aber dass so etwas als Statussymbol bei Neuwagen gilt, finde ich skandalös. Diesem Problem wollen wir deutlich etwas entgegensetzen

Ihr Ziel ist, dass am Ende niemand mehr Auto fährt?

Bergmann: Nein, das ist nicht mein Ziel. Dennoch denke ich, dass die Politik auch in diesem Bereich einiges falsch macht. Auf EU-Ebene ging es zum Beispiel vor kurzem um die Selbstverpflichtung der Autoindustrie zum CO2-Ausstoß. Und Angela Merkel, die sonst immer die größten Lippenbekenntnisse zum Klimawandel abgibt, beugte sich in diesem Fall dem Willen der Autoindustrie.

Meinen Sie, die Politik tut nicht genug gegen den Klimawandel, so dass sie selbst eingreifen müssen?

Maria Schlüter:* Ich denke, dass diese Problematik nicht allein in der Verantwortung der Politik liegt, sondern dass jeder Einzelne eine Verantwortung dabeiträgt. Das heißt für mich, dass man sich beim Kauf eines Autos für eine klimaschonende Alternative entscheiden sollte. Wer sich einen großen Geländewagen kauft, handelt einfach rücksichtslos, egoistisch und stellt seine Interessen über die der Gesellschaft.

Suchen Sie die Autos gezielt aus oder ist es egal, welches Fahrzeug es trifft?

Schlüter:
Wir legen nur Autos lahm, die mehr als zehn Liter auf 100 Kilometer verbrauchen. Wir haben uns vorher genau informiert.

Wer einen Wagen fährt, der weniger als 10 Liter verbraucht, muss sich keine Sorgen um seine Reifen machen?

Bergmann:
Ja. Selbst der BMW-X3 zum Beispiel. Der sieht nach einem Monster-Geländewagen aus, aber der wird von uns ausgespart, weil er unter zehn Liter verbraucht.

Schlüter: Wir bearbeiten nur große Limousinen, Sportwagen und Geländewagen. Auch ältere Modelle oder Campingwagen bleiben natürlich verschont.

Ist Gewalt gegen Sachen in Ordnung?
So nach dem Motto „der Zweck heiligt die Mittel“?

Schlüter:
Ich halte den Begriff „Gewalt gegen Sachen“ in diesem Zusammenhang für nicht angebracht, weil wir die Autos nicht wirklich beschädigen. Luft ablassen ist keine Gewalt. Der Autokauf stellt meiner Meinung nacheine viel größere Schädigung von Personen und der Umwelt da, als die allenfalls störenden luftleeren Reifen.

Zerstechen sie auch Autoreifen?

Bergmann: Nein. Wir lassen nur die Luft raus: Ventilkappe abdrehen, kleines Steinchen reinstecken und die Ventilkappe wieder draufsetzen. Nach einer halben Stunde ist der Reifen platt. Wenn man den Stein heraus nimmt ist das Ventil sofort wieder in Ordnung.

Was Sie tun, ist trotzdem eine Art Selbstjustiz.

Bergmann:
Ja, insofern, als das man alles, was gegen Gesetze verstößt, als Selbstjustiz bezeichnet. Ich sehe das aber nicht als Selbstjustiz, sondern als Möglichkeit, um damit auf etwas aufmerksam zu machen und zum denken anzuregen.

Schlüter:
Es stellt keine wirkliche Bestrafung der Umweltverschmutzer dar, sondern bedeutet, ein klein wenig zu stören.

Meinen Sie wirklich, dass jemand aufs Fahrrad umsteigt, weil ihm die Luft aus den Reifen gelassen wurde?

Bergmann: Nein, auf keinen Fall. Die Besitzer der Wagen reagieren wahrscheinlich eher mit Trotz. Aber wenn man deren Statussymbole angreift und dann auch noch das deutsche Heiligtum Auto, dann trifft man einen wunden Punkt, der vielleicht doch zur Selbstreflektion anregt. Außerdem übt es Druck auf die Fahrzeughersteller und die Autolobby aus.

Schlüter: Ich denke es bringt die Autobesitzer dazu, sich rechtfertigen zu müssen gegenüber Freunden und Verwandten. Sie werden gezwungen, sich mit der Klimaproblem auseinanderzusetzen und ihr eigenes Handeln zu begründen. Vielleicht überzeugen wir nicht jeden, aber zumindest muss er sich selber hinterfragen.

Das Luft-rauslassen als symbolischer Akt?

Bergmann: Für mich ja.

Schlüter:
Es werden keine Autos zerstört. Wir wollen Fahrzeuge nicht effektiv unbrauchbar machen, sondern wir legen sie kurzfristig still. Das ist unangenehm, aber es ist keine wirkliche Sabotage.

Haben Sie keine Sorge, dassein Autofahrer mit platten Reifen losfährt und gegen einen Baum rast?

Bergmann: Wir tun einiges dafür, damit so etwas nicht passiert. Einerseits heften wir heften deutlich sichtbar unsere Zettel an die Windschutzscheibe. Außerdem plätten wir die Wagen diagonal. Also von vorne rechts, nach hinten links und anders herum. Falls sich jemand reinsetztund ausparkt, wackelt das Auto so stark hin und her, dass derjenige es sofort merken würde.

Kommen für Sie auch andere Aktionsformen in Fragedie über das Luft ablassen hinausgehen?

Bergmann: Für mich nicht.

Schlüter: Ich finde man muss immer schauen, welches Ziel man hat und wie man es erreichen will. Das versuche ich natürlich immer so zu machen, dass ich den geringstmöglichen Schaden und Ärger für andere Menschen verursache. Deshalb halte ich Aktionen, die über das Tieferlegen von Autos hinaus gehen, für nicht notwendig. Mein Ziel erreiche ich in diesem Fall auch ohne Sachbeschädigung.

Inzwischen hat sich der Staatsschutz eingeschaltet und die Polizei ist wachsamer geworden. Werden Sie in Zukunft weitermachen?

Schlüter: Wir sind vorsichtiger geworden, machen aber natürlich weiter.

*Namen von der Redaktion geändert.  

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