Berliner Originale : Der Blickfänger aus Prenzlauer Berg

Oleg Farynyuk macht Porträts wie die allerersten Fotografen im 19. Jahrhundert.

Lucia Jay Seldeneck
Zauber des Rotlichts. Der Fotograf Oleg Farynyuk kehrt in seiner Dunkelkammer zu den Ursprüngen der Fotografie zurück.
Zauber des Rotlichts. Der Fotograf Oleg Farynyuk kehrt in seiner Dunkelkammer zu den Ursprüngen der Fotografie zurück.Foto: Verena Eidel

Die Fotolampen sind in Position, der Barhocker steht bereit, nebenan in der Dunkelkammer ist alles vorbereitet. "Die Glasplatte mit der Silberbeschichtung nimmt 20 Sekunden lang Licht auf", erklärt Oleg Farynyuk. In dieser Zeit findet eine Art Tauziehen statt. "Die Platte saugt Energie von einem", sagt er unverblümt, während er die Schärfe einstellt. Und dann noch: "20 Sekunden sind lang."

Er könne vorher nie einschätzen, wie der Einzelne mit dieser Situation umgehe. In dem Moment, wenn seine Hand vorsichtig hinter dem Reflektor erscheint und den Deckel von der Linse abschraubt, gibt Oleg Farynyuk die Kontrolle ab. Sitzt man auf dem Barhocker, muss man nun Blickkontakt halten, vor allem aber: 20 Sekunden still halten.

"Ich mache nicht das Foto", erklärt der 39-jährige Fotograf aus Kiew lächelnd, "es wird mir gegeben." Die Reaktionen der Menschen seien sehr unterschiedlich. Aber was Oleg Farynyuk inzwischen weiß: "Die Linse durchbricht die Oberfläche." Einige erschrecken hinterher regelrecht vor ihrem eigenen Bild. Es kann eine Seite zeigen, die man normalerweise zu verbergen versucht, erklärt Oleg Farynyuk.

Oleg Farynyuks Bilder erzählen Geschichten

In den Zehnteln einer Sekunde, in der heute Fotos geschossen werden, können nur Äußerlichkeiten abgelichtet werden. Und hinterher sucht man sich dann noch aus den unzähligen Bildern, die man sicherheitshalber gemacht hat, dasjenige aus, auf dem man so aussieht, wie man sich selbst gerne sieht. Diese Kontrolle gibt man ab, sobald man das kleine Studio im Prenzlauer Berg betritt. Was man dafür erhält, ist etwas Einmaliges.

"Es kostet Nerven, so ein Porträt", gibt Oleg Farynyuk zu. "Aber man kann dadurch zu sich selbst finden." Deshalb verlässt der Fotograf meistens die Dunkelkammer kurz vor dem sehr intimen und intensiven Moment, in welchem im Rotlicht die ersten Konturen auf der Glasplatte erscheinen. Der Fotografierte soll sein Abbild zuerst alleine betrachten können.

Es sei schon sehr umständlich, gibt Oleg Farynyuk zu. Aber die Bilder erzählen Geschichten. Die Augen der Menschen, die einen an der Studiowand von den Fotos ansehen, begegnen einem so direkt, so dass man schon nach kurzer Zeit unwillkürlich den Blick abwendet. Die Personen scheinen beinahe plastisch. "Es ist versiegeltes Licht", sagt Oleg Farynyuk ehrfürchtig.

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Oleg Farynyuk hat sich die Slow Photography, wie er es nennt, selbst beigebracht. Er mischt die Lösungen an und kennt somit jeden Zustand in jedem Fläschchen ganz genau. Es gab da einen Moment, in dem er begriff, dass es das alles wert ist. Um die tiefen Blicke geht es ihm, die sind es, die er einzufangen versucht. Zum ersten Mal sei ihm das begegnet, als er nach der Geburt seines Kindes in dessen Augen geblickt habe: "Diese unendliche Tiefe, die von ganz weit her zu kommen schien – das hat mir die Knie weich werden lassen."

Und diese Tiefe habe er dann auf den alten Fotos wiedergefunden. "Das war eine Offenbarung." Das hat ihn dann nicht mehr losgelassen – ein halbes Jahr hat er ausprobiert, nur für sich. Dann waren die Ergebnisse vorzeigbar. Oleg Farynyuk war sehr zufrieden. "Diese Reduzierung auf das Wesentliche, diese Entschleunigung – ich habe gemerkt, dass das mein Ding ist."

"Der ganze Prozess ist ein Zusammenspiel aller Sinne"

Inzwischen sei es zu einem Teil von ihm geworden. Er erklärt noch einmal den genauen Ablauf: "Man nehme", er schmunzelt – als ob das so einfach wäre! –, "man nehme eine Glasscheibe. Die muss zuerst gewaschen werden, dann getrocknet und poliert mit einer – natürlich selbst angerührten – Lösung aus Kreide, Spiritus und Wasser. "Eigentlich sind das alles Rezepte aus dem Mittelalter", sagt er, scheint selbst ein bisschen überrascht.

Und dann das Collodium – dafür brauche es sehr viel Gefühl. "Der ganze Prozess ist ein Zusammenspiel aller Sinne", erklärt er, "man kann jeden Schritt spüren." Es erfordere unendliche Geduld. "Aber", fügt er hinzu, wieder einmal schmunzeln, "es ist wie im wahren Leben auch: Man braucht die Dunkelheit, damit sich das Licht offenbart."

Über die Frage, ob er auch Fotos mit dem Handy mache, muss Oleg Farynyuk lachen. Damit habe er ganz aufgehört. "Das hat für mich jeden Reiz verloren."

Oleg Farynyuks Lieblingsort in Berlin:

Oleg Farynykus liebster Ort in Berlin ist Stralau.
Was diesen Ort so besonders macht: "Es ist herrlich, mitten in der Stadt so ein Inselgefühl erleben zu können. Der Blick auf das Wasser, der Wind, die Ruhe."

Weitere Informationen unter www.slow-photography-berlin.com

Von den Autorinnen erschien bereits: „111 Berliner, die man kennenlernen sollte“ (Emons Verlag, 230 Seiten, 16,95 Euro). Nun begeben sich Lucia Jay von Seldeneck und Verena Eidel für uns auf die Suche nach noch mehr Berlinern. Bisher unter anderem erschienen: Lizzy Scharnofske, das lebende Schlagzeug - Andreas Zadonai, ein Bäcker der alten Schule - Sinan Simsek, der Buchhändler vom Kotti.

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