Berliner Originale : Halb Mensch, halb Maschine

Lizzy Scharnofske will sich nicht hinter dem Schlagzeug verstecken. Also hat sie einen Anzug erfunden, mit dem sie frei ist. Teil 1 der Serie "Stadtmenschen am Sonntag".

Lucia Jay Seldeneck
Aus Deckeln, Kabeln und einem Computer ergibt sich ein tragbares Schlagzeug, mit dem Lizzy Scharnofske auch auftritt.
Aus Deckeln, Kabeln und einem Computer ergibt sich ein tragbares Schlagzeug, mit dem Lizzy Scharnofske auch auftritt.Foto: Mike Wolff/Doris Spiekermann-Klaas

Eben noch erschien sie recht gewöhnlich – eine blonde Frau, 35 Jahre, die ihren Besuch in ein Haus im Lichtenberger Kaskelkiez führt, um hier nun einen schweren, grauen, reptilienartigen Anzug von einem Haken an der Wand zu nehmen. Lizzy Scharnofske dreht sich kurz um, strahlt stolz, und schlüpft dann vorsichtig Bein für Bein und Arm für Arm in das Ungetüm. Sie bewegt sich, ein paar Schritte nach vorne, eine halbe Wendung nach rechts, dann die Arme zur Seite und aus den Bewegungen heraus erklingen einzelne tiefe Töne, mischen sich unterschiedliche Sounds und Klatschlaute dazu – bis sich alles zu einem stattlichen elektronischen Beat vereint.

Lizzy Scharnofske windet und findet sich in die Bewegungen und den klingenden Rhythmus hinein. Sie beginnt zu hüpfen, lässt die Arme und den langen Pferdeschwanz schwingen – und wird immer mehr eins mit der Musik, die den trüben Wintertag hinwegzufegen vermag.

Der Anzug ist ein tragbares Schlagzeug

„Das ist mein Damage-Set“, erklärt sie erschöpft und außer Atem, als sie wieder zum Stehen kommt. Dann macht sie vor, wie die einzelnen Töne erzeugt werden und beginnt, auf die runden Pads zu klopfen, die auf ihrem Anzug verteilt sind. Hinter den Plättchen verlaufen im Innern des Anzugs verschiedene Kabel zu einem Computer, in dem die vorprogrammierten Sets abgespeichert sind. „Ich habe so lange davon geträumt, frei zu sein“, sagt die studierte Schlagzeugerin. Immer hinter dem Instrument oder einem Computer zu verschwinden, das wollte sie nicht. Und während Lizzy Scharnofske das erzählt, bewegt sie sich mal hierhin, mal dorthin, als ob ihr Körper sie ständig antreibt.

Irgendwann, sagt sie, hatte sie die Idee mit dem Anzug, ein tragbares Schlagzeug quasi. Das Bild hat sie nicht mehr losgelassen, und so fing sie an, herum zu probieren, klebte provisorische Pads mit Klettband auf alte Jacken, bis sie im vergangenen Jahr zusammen mit der Designerin Maartje Dijkstra diesen Prototypen entwirft. Die runden Pads sind Kosmetikdosen. Sie eignen sich hinsichtlich Form, Material und Optik am besten.

Musik außer Kontrolle

Lizzy Scharnofske blickt an sich, an ihrem Anzug herunter. „Er hat ein Eigenleben“, sagt sie und macht eine Handbewegung, als wolle sie jemanden vorstellen. „Man muss dafür bereit sein, man muss die Verwandlung zulassen und alles andere für den Augenblick vergessen können. Sonst wird man ausgebremst“, erklärt sie ihr Gefühl, wenn sie halb Lizzy, halb Schlagzeug ist.

Ein bisschen sei das natürlich immer so beim Musikmachen. „Aber mit meinen Body-Pads kann ich viel mehr mitbestimmen. Weil ich ja mich spiele.“ Einstudieren könne sie das nicht, die Bewegungen sind jedes Mal anders. „Das ist ja gerade das Schöne“, sagt sie, „ich spiel einfach drauf los und überrasche mich auch selbst mit dem, was dann kommt.“ Manchmal gerate es regelrecht außer Kontrolle, wird ekstatisch. „Toll, oder?“ Scharnofske strahlt und sprüht vor Energie.

Der Traum von einem kabellosen Anzug

Damals, im Haus ihrer Musikerfamilie in Niedersachsen, bekam sie wie alle Geschwister Klavierunterricht und entdeckte bald ihre Leidenschaft für das Rhythmische. Bald setzte sie bei ihrem Vater das Schlagzeug durch. Und sie lernte Ballett. „Alle meine Nachmittage sahen so aus: Erst Schlagzeugstunde, dann Ballettunterricht.“ Ihr Blick fällt auf den Anzug, der jetzt ein bisschen zusammengesunken über einem Hocker liegt. „Und jetzt kann ich endlich beides verbinden.“ Gerade arbeitet sie an einer Platte, die in zwei Monaten erscheinen soll.

Und das alles sei ja erst der Anfang. Zum Beispiel, da ist sich Lizzy Scharnofske sicher, wird es bald schon einen kabellosen Anzug geben. Funk – das ist ihre Zukunft, schwärmt sie, ganz und gar frei. „Dann kann ich endlich auch durch die Straßen gehen und dabei Musik machen.“ Und dann werde es viele weitere Einsatzmöglichkeiten geben für den Body-Pad-Anzug, der übrigens noch dringend einen richtigen und würdigen Namen bräuchte, betont Lizzy Scharnofske.

Dann kann sie es nicht lassen, muss den Anzug noch einmal anziehen. Sie klopft und tätschelt, wippt und hüpft, es wummst und scheppert. Wo ist das Schlagzeug und wo ist Scharnofske? In diesem Moment ist es ganz egal.

Von den Autorinnen erschien bereits: "111 Berliner, die man kennenlernen sollte", Emons Verlag, 230 Seiten, 16,98 Euro. Nun begeben sich Lucia Jay von Seldeneck und Verena Eidel für uns auf die Suche nach noch mehr Berlinern.

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