Berliner Originale : Mit der Rikscha durch den Tiergarten

Helmut Millan fährt seit 18 Jahren mit der Rikscha durch Berlin. Den Tiergarten kennt er wie kaum einer. Auf Entdeckungstour im Schunkelgang.

Lucia Jay von Seldeneck
Helmut Millan war einer der ersten Rikscha-Fahrer in Berlin. Foto: Verena Eidel
Helmut Millan war einer der ersten Rikscha-Fahrer in Berlin.Foto: Verena Eidel

Beim Einsteigen ist da auf einmal eine Hand, die einem hochhilft, und kaum dass man sitzt, wärmt einem auch schon eine Kamelhaardecke die Beine. Sanft schaukelnd setzt sich die Rikscha in Bewegung – und sofort fühlt man sich wie aus der Zeit gefallen. Helmut Millan lenkt sein Gefährt lässig durch den Verkehr.

Er war einer der ersten Rikscha-Fahrer in Berlin. Heute fahren für sein Unternehmen „Berlin Rikscha Tours“ 30 Transportfahrräder durch die Stadt. Trotzdem muss er jedes Jahr aufs Neue eine Sondergenehmigung beantragen. Er zuckt die Schultern: Personenverkehr mit dem Fahrrad ist in Berlin eigentlich verboten. Das Besondere seiner Tour – und das wird schon nach wenigen Metern klar – ist aber nicht nur die eindrucksvolle Federung seiner chinesischen Rikscha, sondern: die Zeit, die sich Helmut Millan nimmt. Auf einer Fahrt mit ihm bekommt man bloß einen Teil der Stadt gezeigt, aber diesen dafür ganz genau. Zum Beispiel den Tiergarten.

Kaum hat man die große Straße verlassen, sind Lärm und Hektik wie weggewischt. Man passiert den ehemals britischen Sektor. Im strohbedeckten Dach des Teehauses mitten im Tiergarten sind mehrere kreisrunde Löcher eingelassen. Keine alten Ofenrohrlöcher. Helmut Millan erzählt über die Schulter: „Nachdem die Marder jeden Winter das Dach zerstört haben, wurden ihnen jetzt eigene Eingänge gebaut.“ Nur ein Beweis dafür, wer hier mitten in der Stadt das Sagen hat.

Im Tiergarten versöhnen sich Mensch und Natur

Einige der alten Bäume tragen noch ihre Narben von Granatsplittern aus dem Krieg. Doch die meisten der Pappeln und Buchen oder auch der chinesische Taschentuchbaum sind jünger. Denn der Tiergarten wurde im Krieg beinahe komplett abgeholzt und dann in bis zu 2500 Parzellen eingeteilt. „Hier wurden überall Kartoffeln angebaut“, sagt Helmut Millan und weist mit der Hand über das unzählige Grün rundherum. „Und unter uns befindet sich ein total unerforschtes Tunnelsystem.“

Er habe sich Berlin erkundet, erzählt der 55-Jährige. „Und je mehr man entdeckt und liest, desto neugieriger wird man ja und – ach ...“, unterbricht er sich selbst, „hier ist eine meiner Lieblingsstellen: Unser kleiner Teich.“ Da gibt es Schildkröten, einen Eisvogel, der Biber hat vor ein paar Tagen die dicke Esche auf der kleinen Insel gefällt – und da! Das sind die Mandarin-Enten. „Die kamen irgendwann aus dem Zoo hier rüber in den Tiergarten – und bilden inzwischen die größte Kolonie außerhalb Chinas.“

Der Urwald hinter dem Brandenburger Tor
Dicht begrüntes Seeufer. Leif Karpe und Beatrice Pötschke sind im Großen Tiergarten Berlins mehr als ein Jahr lang Besuchern mit der Kamera gefolgt. Herausgekommen ist ein kontrastreicher Bildband im Wandel der Jahreszeiten. Foto: Leif Karpe und Beatrice PötschkeWeitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Leif Karpe und Beatrice Pötschke
02.09.2014 12:29Dicht begrüntes Seeufer. Leif Karpe und Beatrice Pötschke sind im Großen Tiergarten Berlins mehr als ein Jahr lang Besuchern mit...

Vielen Menschen begegnet man nicht auf der Fahrt, die jetzt durch den Rhododendron-Hain führt. Der Tiergarten ist selten überfüllt. Es gibt keine Kioske, Cafés, Beach-Volleyball-Felder oder Skaterplätze – aber dafür viel Platz. „Man kann hier eigentlich nur zwei Dinge tun: spazieren gehen oder auf einer Wiese liegen.“ Mitten im Zentrum der Großstadt muss man sich als Mensch der Natur anpassen. Das rückt wieder gerade, was man in der Stadt schnell vergisst: Wir sind nicht alleine. Zum Beispiel hier auf dieser Wiese: Unzählige Kaninchen laufen herum, auch Füchse, und oben im Baum hat ein Habicht seinen Horst.

Und auch die Rikscha trägt einen Teil zu dieser Versöhnung bei. Sie schaukelt einen hin und her wie ein Boot auf dem Wasser. „Man kann unglaublich viel entdecken – und dabei gleichzeitig entspannen.“ Helmut Millan hat in all den Jahren noch nie erlebt, dass zwei Menschen, die bei ihm eingestiegen sind, sich gestritten hätten. Es scheint, dass diese Kombination von Natur und entschleunigtem Schunkelgang einen ungemein wohltuenden Einfluss auf die Stadtmenschen hat. Und das mitten in der Stadt.

Von den Autorinnen erschien bereits: „111 Berliner, die man kennenlernen sollte“ (Emons Verlag, 230 Seiten, 16,95 Euro). Nun begeben sich Lucia Jay von Seldeneck und Verena Eidel für uns auf die Suche nach noch mehr Berlinern. Bisher unter anderem erschienen: Lizzy Scharnofske, das lebende Schlagzeug - Andreas Zadonai, ein Bäcker der alten Schule - Sinan Simsek, der Buchhändler vom Kott -Gudrun Schmidt, die Seifenmeisterin aus Friedrichshain - Hanns-Lüdecke Rodewald, der Professor mit dem Moos-Auto -Britt Kanja, Lebenskünstlerin mit einer Vision - Nidal Bulbul, Kriegsreporter und Cafébesitzer am Görli.

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