• Berliner Passagiere des Unglücksschiffs: Von der Zaubershow ins "Concordia"-Rettungsboot

Berliner Passagiere des Unglücksschiffs : Von der Zaubershow ins "Concordia"-Rettungsboot

Jutta und Joachim Neumann aus Kladow überlebten das Schiffsunglück auf der „Costa Concordia“. In Adlershof bangt man um das Schicksal eines vermissten gehbehinderten Paares.

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Sie bangen um die Vermissten. Foto: Paul Zinken
Sie bangen um die Vermissten.Foto: Paul Zinken

Eigentlich wollten sich Jutta und Joachim Neumann aus Kladow nur eine Woche Erholung vom Vorweihnachtsstress in ihrem Schreibwarenladen gönnen, den sie seit 25 Jahren in Kladow führen. Jutta Neumann, 67, ist eine regelrechte Institution in dem kleinen Spandauer Ortsteil: In dem Schreib- und Süßwarenladen, der liebevoll mit Blumen in einem Keller eingerichtet ist, haben sämtliche Kladower Kinder schon mit großen Augen vor Zuckerstangen und Konfekt gestanden und dort ihr Taschengeld gelassen.

Die geplante Erholungsreise auf der „Costa Concordia“ wurde für Jutta Neumann und ihrem 66-jährigen Mann Joachim und mindestens sechs weitere Berliner zum Horrortrip. Doch das Ehepaar hatte Glück: Es wurde gerettet. Die beiden schauten sich am Freitag gegen 21.30 Uhr die Zaubershow auf dem Kreuzfahrtschiff an. Während der Magier Schwerter durch einen Holzsarg schob „hörten wir es plötzlich unglaublich stark Rumsen“, schildert Jutta Neumann. Die Vorhänge fielen runter, es wurde dunkel.

„Mein Mann dachte, das gehört zur Zaubershow, doch ich hörte die Schreie und sagte: Komm Achim, wir müssen hier weg“. Überall schrien die Passagiere. Jutta Neumann schob sich mit ihrem Mann, der noch immer hoffte, das Ganze gehöre zur Show, durch die Menge. Die Durchsagen per Lautsprecher seien kaum zu verstehen gewesen. „Es herrschte das blanke Chaos“, sagt die Kladowerin. Die Crew habe immer nur „piano, piano“ gerufen und auf diese Weise versucht, die Passagiere zu beruhigen. Keiner habe gewusst, was wirklich los war. „Wir sollten dann alle zurück in unsere Kabinen gehen. Der Schaden würde behoben werden, hieß es“, schildert sie. Doch Jutta Neumann bemerkte, wie sich das Schiff immer weiter seitlich neigte. „Ich habe zu meinem Mann gesagt, wir gehen nicht in die Kabine. Wir müssen irgendwie zum Rettungsboot.“

Das Kreuzfahrt-Unglück vor der Toskana
Am Sonntag jährt sich die Harvarie der Costa Concordia zum ersten Mal, bei der an Bord des Kreuzfahrtriesen 32 Menschen getötet wurden. Erwartet werden die Angehörigen der Todesopfer und ein Teil der rund 3200 Überlebenden, vor allem Deutsche, Franzosen und einige Peruaner. Foto: ReutersWeitere Bilder anzeigen
1 von 86Foto: Reuters
12.01.2013 14:21Am Sonntag jährt sich die Harvarie der Costa Concordia zum ersten Mal, bei der an Bord des Kreuzfahrtriesen 32 Menschen getötet...

Auch in der Schlange vor den Booten habe das reinste Chaos geherrscht. „Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe.“ Nur mit dem, was sie am Körper trugen, versuchten die Eheleute auf eines der Boote zu gelangen. Doch die phillipinischen Crew-Mitglieder waren überfordert. „Keiner hat richtig gewusst, wo und wie die Boote zu Wasser gelassen werden.“ Nach einer gefühlten Ewigkeit gelang es dann doch, das Boot abzuseilen. Es setzte sich in Bewegung.

Auf der Insel warteten bereits Feuerwehr- und Rettungsleute mit Decken. Ein Hotel war für die Geretteten geöffnet worden. „Mein Mann brauchte unbedingt seine Herzmedikamente. Wir hatten ja alles in der Kabine gelassen“, erzählt Jutta Neumann. „Dann bekamen wir mit, dass auch eine Apotheke geöffnet worden ist. Dort hat mein Mann dann erstmal seine zwei Herztabletten bekommen.“ Sie ergatterten einen Platz in einem Bus, der zum Fährhafen fuhr.

Von dort nahmen sie die nächste Fähre aufs Festland, zum Hafen nahe Rom. Gegen fünf Uhr früh kamen sie dort an. „Von da an hat alles wunderbar funktioniert“, sagt Jutta Neumann. Ein Rotes-Kreuz-Team stand bereit, verteilte die Geretteten auf Busse. Das Paar wurde zum Airport Hotel Hilton gebracht. Dort konnten sie erst einmal frühstücken und sich schlafen legen. Gegen 16 Uhr kamen Mitarbeiter der Deutschen Botschaft zusammen mit einem Lufthansa-Angestellten ins Hotel. „Die haben uns den schnellstmöglichen Flug nach Deutschland herausgesucht. Wir wurden schon kurz darauf zum Gate begleitet, weil wir ja auch keine Papiere hatten, und sind zunächst mit anderen Deutschen nach München geflogen worden.“

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