Berliner Photoautomat : Die Geschichte eines Kultobjektes

Mein Bild von mir: Wer stellt eigentlich die Photoautomaten im Retrolook auf, die überall herumstehen?

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Diese zwei Photoautomaten- direkt nebeneinander- finden Sie in der Warschauer Straße 60 in Friedrichshain.
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Foto: Charlotte Jooss
14.04.2012 20:31Diese zwei Photoautomaten- direkt nebeneinander- finden Sie in der Warschauer Straße 60 in Friedrichshain.

Neulich erst erlebt. Straße lang gelaufen, Augen gar nicht richtig auf gehabt, Termine, Termine, außerdem die Standardstrecke, Weserstraße Richtung Hermannplatz, alles tausend Mal gesehen, auch die hässliche Häuserlücke. Dann ein Ruck, alle Maschinen stop, das Auge meldet ein unbekanntes Objekt ans Großhirn: eckig, signalrot, Kabine mit Vorhang – ah, ein „Photoautomat“. Die Mundwinkel heben sich zum Lächeln, das wird ein guter Tag.

15 dieser so beschrifteten, vergnüglichen Boxen im Retroschick stehen inzwischen in der Stadt. Vornehmlich da, wo’s szenig ist. In Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain, Kreuzberg und nun auch in Neukölln. „Photographiere dich selbst!“, steht auf jedem. Vier Aufnahmen kosten zwei Euro. Der neue in Neukölln stamme aus Spanien, sagt Asger Doenst, der rund 20 dieser vor der Schrottpresse geretteten Geräte in Lichtenberg lagert. Er und sein Freund Ole Kretschmann sind die Männer hinter den Maschinen. Seit acht Jahren schon. Da fing das segensreiche Werk mit dem ersten Photoautomaten am Rosenthaler Platz, Ecke Weinbergsweg an.

Dem stillen Zauber der musealen Apparate aus den Sechzigern, die ihre grobkörnigen Schwarz-Weiß-Fotostreifen analog entwickeln, sind die beiden in Zürich erlegen. Da haben der Kameramann aus Prenzlauer Berg und der Drehbuchautor aus Mitte 2003 irgendwas für ein Kunstprojekt zu tun, stolpern in einen dieser in der Schweiz von zwei greisen Brüdern namens Balke betriebenen Automaten und sind baff. „Die Qualität der Fotos ist so was von geil“, sagt Doenst. Und Kretschmann, der eh gerade verschärft nach einer Geldverdienidee fahndet, die origineller als ein Bürojob ist, weiß gleich: Das ist sie. Diese in ihrer Einfachheit so genialen Dinger gehören nach Berlin.

Hat funktioniert. Die Leute lieben die Photoautomaten. Verliebte, Clubgänger, Schüler, Passanten, alle, die sich gerne mal ein Bild von sich oder für andere machen. Briefe, Mails, Anrufe und zugeschickte Fotos zeigen Doenst und Kretschmann: ihre Geräte haben eine Gemeinde. Schon 2007 gab’s in Köpenick die erste Hochzeit eines Paares, das sich im Automaten einst den ersten Kuss gegeben und fürs Fest dann einen als Volksbelustigung gemietet hat.

Modefotoshootings, Ausstellungen und Bücher haben die Kabinen längst zum Kunstobjekt oder wenigstens Kunstgimmick geadelt. Einer stand auf der Documenta, einer steht in der Fotogalerie C/O Berlin. Auswärtige Ableger gibt es in Hamburg, Köln, Leipzig, London oder Florenz. Doenst und Kretschmann sind inzwischen Ende 30, leben davon und beschäftigen Kumpels, die ihnen bei der täglichen Wartung helfen. Wie geht das im Ausland? Da machen das Freunde oder Verwandte von uns, sagen sie. Kretschmanns Schwester etwa ist Schauspielerin am Burgtheater. Sie kümmert sich um den Apparat im Wiener Museumsquartier.