Berlin : Berliner Polizei erst zwei Stunden nach entdeckter Flucht informiert

WERNER SCHMIDT MICHAEL MARA

BERLIN/POTSDAM .Die Flucht des Hintze-Entführers aus der Potsdamer Untersuchungshaftanstalt entwickelt sich immer mehr zu einem politischen Skandal.Der Ausbrecher Serov blieb insgesamt 19 Stunden unkontrolliert, mußte Brandenburgs Justizminister Bräutigam zugeben.Die Berliner Polizei wurde erst zwei Stunden nach entdeckter Flucht informiert.

Noch bevor am Sonntag in Potsdam die ersten Fahndungsmaßnahmen nach dem entwichenen Sergej Serov eingeleitet wurden, hatte die Berliner Polizei bereits ein Zielfahndungskommando auf den Russen angesetzt.Ohne viel Hoffnung auf schnellen Erfolg allerdings, denn Serov hatte bereits über 15 Stunden Vorsprung, als in Berlin kurz nach 14 Uhr das erste Fernschreiben der Potsdamer Polizei eintraf.Die Flucht war um 11 Uhr 55 entdeckt worden.Brandenburgs Justizminister Bräutigam behauptete allerdings gestern während einer Pressekonferenz, die Berliner Behörden seien bereits um 13.40 Uhr eingeschaltet worden.

Die hiesigen Ermittler halten mit ihrer Kritik an der Brandenburger Justiz nicht hinterm Berg.Die späte Information über das Entweichen Serows bezeichnete ein Berliner Kriminalbeamter gestern als "den eigentlichen polizeilichen Skandal".Für einen anderen Beamten ist Serov der "Prototyp des Berufsverbrechers", und daher umso unverständlicher, daß dem Mann derart große Vergünstigungen in der Untersuchungshaftanstalt eingeräumt worden waren.Es wird aber für äußerst unwahrscheinlich gehalten, daß sich der 38jährige Russe noch in Berlin oder Brandenburg aufhält.Unmittelbar nachdem in Berlin die Flucht Serovs bekannt geworden war, suchten Kriminalbeamte die in Berlin lebende Schwester des Mannes auf, die aber keinen Kontakt zu ihrem Bruder gehabt haben will.In der Wohnung wies auch nichts daraufhin, daß er sich zuvor dort aufgehalten hatte.

Der Chefermittler im Entführungsfall Matthias Hintze, der Leitende Polizeidirektor Peter Schultheiß, hatte sich noch vor gut einer Woche während einer polizeiinternen Fortbildungsveranstaltung positiv zur Entwicklung des Falles geäußert.Einer der Brandenburger Beamten sagte am Rande der Veranstaltung, einer der beiden Entführer habe in Anbetracht des bevorstehenden Prozesses davon gesprochen, es werde noch zu "einem großen Ding" kommen.Alle hatten dabei an ein Geständnis im Fall des entführten Computerhändler Galius gedacht.

Der leitende Staatsanwalt Peter Mitschke sagte gestern, daß ein Verfahren wegen Gefangenenbefreiung gegen Unbekannt eingeleitet worden sei.Staatsanwaltschaft und Polizei davon aus, daß Serov einen Helfer in der JVA gehabt haben muß.Es gebe zu viele Ungereimtheiten, hieß es im Innenministerium.

Justizminister Hans Otto Bräutigam räumte gestern auf einer Pressekonferenz ein, daß es eine ganze Reihe "offener Fragen" gebe.So müsse gefragt werden, ob es richtig war, einen als besonders gefährlich geltenden Verbrecher wie Serov in der LVA Potsdam unterzubringen, die nicht modernen Sicherheitsstandards entspreche und Serov als Hausarbeiter zu beschäftigen.Er sei so in der Lage gewesen, sich ein genaueres Bild von den räumlichen Verhältnissen und den Sicherheitsvorkehrungen zu machen.Gefragt werden müsse auch, so Bräutigam, warum Serov mit Blick auf seine Gefährlichkeit "nicht regelmäßig kontrolliert worden ist".Bräutigam teilte mit, daß Serov vor der Flucht dabei erwischt wurde, wie er sich an der Luke zum Dach zu schaffen machte, durch die er jetzt offenbar aufs Dach kletterte.Bei einer daraufhin vorgenommenen Durchsuchung seiner Zelle habe man Draht gefunden, ohne diesem jedoch Bedeutung einzuräumen.Ungeklärt ist, warum bei Serov auf eine Anwesenheitskontrolle verzichtet wurde, nachdem dieser am Sonnabend, dem Fluchttag, erklärt hatte, am Sonntag ausschlafen und deshalb auf ein Frühstück verzichten zu wollen."Ein plumer Trick, bei dem die Alarmglocken der Vollzugsbeamten eigentlich hätten klingeln müssen", heißt es in Polizeikreisen.Bräutigam mußte auch zugeben, daß die Sicherheitstüren in den Gängen nachts offen bleiben, um die Ruhe der Häftlinge nicht zu stören.Offen ist, warum die Luke zum Dach nicht gesichert war.Ungeklärt ist bisher auch, wie Serov seine Zelle verlassen und wie er sich 30 Meter Bettlaken verschaffen konnte, mit denen er sich vom Dach abseilte.

Zwischen Essensresten versteckt in die Freiheit gelangt

Zwei Senatoren traten in Berlin nach Ausbrüchen zurück

Brandenburger Gefängnisgitter sind offenbar besonders durchlässig.Seit 1990 gelang es mehr als 100 Gefangenen, Mauern zu durchbrechen, Fenster zu öffnen, Gitter zu durchsägen oder sich, besonders beliebt, mit Bettlaken oder Feuerwehrschläuchen abzuseilen.Erleichtert wurde ihnen dieses durch die zum Teil überalterten Anstalten des Landes.So konnte der Sexualstraftäter Frank Schmökel 1997 zum dritten Mal aus dem Landeskrankenhaus Brandenburg entkommen.Er hatte ein Gitter der Nervenklinik aufgesägt, das noch aus dem Jahr 1912 stammte.Im März dieses Jahres flüchteten zwei rumänische Schwerverbrecher aus der Vollzugsanstalt Luckau.Sie hatten ein Loch in die Außenmauer ihrer Zelle gestoßen und sich dann mit Bettlaken abgeseilt.

So steht Brandenburg zwar mit den hohen Zahlen da, ein Monopol auf spektakuläre Ausbrüche hat es aber natürlich nicht.Die seltsamste Flucht verbucht vielmehr Berlin.Aus der festungsartigen U-Haftanstalt Moabit verschwand auf zunächst geheimnisvolle Weise im Dezember 1992 der damals 31jährige Kurt Kuchenbecker.Der wegen Drogenhandels zu zwölf Jahren Strafe verurteilte Deutsch-Peruaner hatte sich in einem Container versteckt, mit dem ein nichtsahnender Gatower Bauer Essensreste aus der Anstalt zu einer Schweinemästerei transportierte.Die Aufsichtsbeamten hatten weder bemerkt, wie der Häftling in die Tonne stieg, noch später die vorgeschriebenen Kontrollen - "Stichprobe" mit einem Eisenstab - absolviert.Justizsenatorin Jutta Limbach sprach von menschlichem Fehlverhalten.Sie ordnete verschärfte Haftbedingungen für Gefangene aus der organisierten Kriminalität an.Gezählt werden die U-Häftlinge hier um 18 Uhr und morgens um 6, außerdem mittags.Eine Flucht müßte also relativ schnell entdeckt werden.Nach Ausbrüchen sind in Berlin in den 70er Jahren die Senatoren Oxfort und Baumann zurückgetreten.Nachfolger Meyer überstand einen Mißtrauensantrag. pen

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