Berlin : Berliner Polizei: Häufige Beschwerde: Autoritäre Verhaltensformen

Otto Diederichs

Souverän, gelassen, freundlich, stressresistent und tolerant, - so wünscht sich Landesschutzpolizeidirektor Gernot Piestert seine Beamten. Mit der Wirklichkeit ist dieses Idealbild häufig jedoch nicht in Einklang zu bringen. Das weiss auch Piestert. Auf einer Tagung der Gewerkschaft der Polizei (GdP) beklagte er im Mai letzten Jahres erschreckende Bildungslücken, mangelhafte Kommunikationsfähigkeit und rüde Umgangsformen. "Wir müssen den Nachwuchs mehr auf die wirklichen Anforderungen vorbereiten. Stattdessen bilden wir Rechtskundemonster aus. Was tun wir unseren jungen Kollegen eigentlich an und was muten wir dem Bürger zu?", hatte er gefragt.

Als oberster Berliner Schutzpolizist ist Gernot Piestert einer jener Männer, die daran etwas ändern könnten. Dazu fehle der Polizeiführung allerdings "überwiegend das Problembewusstsein", sagt Wilfried Püschel vom Gesamtpersonalrat, und daher habe auch Piestert das Thema seit seiner vielbeachteten Rede vor einem Jahr nicht wieder angesprochen. Dennoch gibt es bei der Ausbildung inzwischen einige Veränderungen. Allerdings gehen sie eher auf Initiativen einzelner Lehrverantwortlicher zurück.

Die Mehrzahl des Polizeinachwuchses wird in Berlin an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege (FHVR) für den gehobenen Dienst ausgebildet. Etwa 1 200 sind es derzeit. Verantwortlich für ihre Lehrinhalte ist Professor Joachim Ciupka, ein ehemaliger Kriminalbeamter. Im neuen Studienplan, der ab Sommer 2001 gelten soll, hat er den Anteil einiger rechtskundlicher Fächer zugunsten eines stärkeren Unterrichts im Bereich der Informationstechnik und der Sozialwissenschaften verringert. Dennoch, sagt Ciupka, sei gerade die Vermittlung sozialer Kompetenzen immer noch "untergewichtet". Gern sähe Ciupka auch eine engere Verzahnung von Theorie und Praxis, etwa bei der Spurensicherung. Bis der Nachwuchs seine an der FHVR erworbenen Kenntnisse praktisch überprüfen kann, vergehen häufig Wochen oder Monate. "Es muss doch möglich sein, hier im Anschluss an den Unterricht mal eine Puppe in den Sand zu schmeissen", meint Ciupka. Bisher geht das nicht.

Ihre Fachpraktika absolvieren die Jungpolizisten an der Landespolizeischule (LPS) und bei einzelnen Polizeidienststellen. Seit der mittlere Dienst in der Polizei schrittweise ausläuft, findet an der LPS die berufsbegleitende Fortbildung statt. Rund 17 000 Beamte haben in diesem Jahr bereits entsprechende Seminare durchlaufen. Hingegen werden nur noch 300 polizeiliche Azubis des mittleren Dienstes jährlich ausgebildet. Aufgrund dieses Bedeutungsverlustes waren Spannungen mit der FHVR in der Vergangenheit an der Tagesordnung.

Seit sechs Monaten steht Heinz Jankowiak an der Spitze der Polizeischule. Damit verbessert sich auch das Verhältnis der beiden Ausbildungsstätten wieder. Verwundern kann das nicht, denn an der FHVR ist der Kripomann Jankowiak zugleich Professor. An der Bewerberauswahl lasse sich kaum etwas ändern, ansonsten aber hat auch er einige Verbesserungsvorschläge. Beispielsweise möchte er zweiwöchige "Schnupperpraktika" einführen, damit die angehenden Polizisten gleich zu Beginn einen Eindruck davon erhalten, was auf sie zukommt. Wie Joachim Ciupka an der FHVR fehlt aber auch ihm für die Verwirklichung so mancher Ideen einfach das Geld.

So unterschiedlich ihre Ausbildungsvorstellungen sonst auch sein mögen, bei der Forderung nach verstärkter Vermittlung sozialer Kompetenzen in der Polizeiausbildung sind sich die grossen Gewerkschaften einig. "Ein nicht unerheblicher Teil der berechtigten Beschwerden gegen Polizeibeamte resultiert aus autoritären Verhaltensformen", sagt Heike Rudat vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.

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