Berlin : Berliner Protestfahrt: Die Straßen waren leer wie nie

Jörn Hasselmann

Was der autofreie Tag nicht erreichte, schaffte die Lastwagendemo. Die Straßen waren weit leerer als üblich. "Die Berliner haben auf unsere Warnungen gehört", sagte Polizeidirektor Jürgen Schubert erleichtert. Die S-Bahn verzeichnete 30 Prozent mehr Fahrgäste, die BVG zwischen 5 und 15 Prozent. Mit 7000 Lastern kamen weit mehr als erwartet. Schon um 9.30 Uhr parkten 2000 Lkw auf der Straße des 17. Juni, die Schlange wuchs bis zum Nachmittag auf der Avus bis zur Ausfahrt Hüttenweg. 350 Fahrer wurden an der Raststätte Dreilinden gestoppt, um die Avus nicht noch mehr vollzustellen. Auseinandersetzungen mit den Fahrern gab es nicht, die Polizei lobte ausdrücklich die Disziplin und die Kooperation der Organisatoren. Nach der Kundgebung durchbrachen allerdings 300 Demonstranten zu Fuß die Polizeiabsperrungen und zogen zum Reichstag. Überraschend schnell, nämlich schon um 16.15 Uhr waren alle Laster aus der Innenstadt verschwunden.

Zur Überraschung vieler zwang die Polizei die Fahrer, breite Gassen frei zu lassen. Auch sämtliche Kreuzungen und Plätze waren völlig Laster-frei. Auf dem Straßenzug 17. Juni und Bismarckstraße durften die Lkw nur zwei Spuren blockieren, zwei weitere Spuren in jeder Richtung blieben frei für Rettungs- und Polizeifahrzeuge. Die Feuerwehr verzeichnete keinen einzigen Einsatz wegen der Demo; Behinderungen ihrer Fahrzeuge habe es nicht gegeben. Anders als angekündigt, nahmen Taxifahrer nur vereinzelt teil. Das galt auch für Bauern aus Brandenburg. Statt der angedrohten 500 Traktoren kamen deutich weniger.

Die Polizei hatte vorgesorgt und viel mehr Straßen als Abstellfläche für die Laster gesperrt, als zuvor angekündigt. Schon vor 11 Uhr war zum Beispiel die Hardenbergstraße zwischen Ernst-Reuter-Platz und Zoo gefüllt. Die nachfolgenden Laster wurden deshalb in die Kantstraße umgeleitet. Streit gab es wenig. Nur als ein ergrauter Fahrer einer MAN-Zugmaschine um 11.15 Uhr am Hardenbergplatz mitten auf der Kreuzung stehenblieb, weil er nicht in die Kantstraße umgeleitet werden wollte, wurde der Einsatzleiter nach einem längeren Wortwechsel resolut. "Dies ist meine letzte Aufforderung. Entweder Sie fahren jetzt weg, oder ich nehme sie fest zur Identitätsfeststellung", herrschte er den Fahrer an. Die Frage des Fahrers, wo er denn seinen Zwanzigtonner noch abstellen könne, konnte der Polizist nur mit einem Schulterzucken beantworten. Die Rettungsgassen wurden von 2000 Polizisten kompromisslos frei gehalten - viele kamen sich vor wie Parkplatzwächter.

Denn ein verkehrt abgestellter Laster reichte, um die Durchfahrt für Polizei und Feuerwehr zu verbarrikadieren. So wie an der Bismarckstraße. Dort hatte sich ein silberner Kieslaster aus Essen quer gestellt. "Der hat sich nicht dran gehalten. Der Fahrer ist ausgestiegen, und weg war er", ärgerte sich der Einsatzleiter am Ernst-Reuter-Platz. Polizeiautos und einzelne Privatwagen wurden über den Gehweg geleitet. Abschleppen lassen wollte die Polizei das schwere Fahrzeug aber auch nicht. "Das würde nur Konfrontationen bringen."

Das waren jedoch Ausnahmen. Nur in sehr wenigen Fällen hätten Lastwagenfahrer versucht, auf eigene Faust ihr Fahrzeug irgendwo abzustellen, sagte der Leiter der Polizeidirektion 3, Jürgen Schubert. Dies sei jedoch im Ansatz unterbunden worden. "Wir haben den Leuten einen Handzettel gegeben, wo sie hinfahren sollen. Im Vorfeld der Demonstration hatte die Polizei angekündigt, resolut jede spontane Blockade zu unterbinden. "Da wären wir konsequent gewesen", sagte Schubert.

Der Polizeidirektor lobte die Kollegen aus Brandenburg, die sehr genaue Informationen über die Zahl der anreisenden Lkw gegeben hatten. Die Polizei hatte zunächst nur 1200 Fahrzeugen die Einfahrt in die Stadt erlauben wollen. Da sich die Protestierenden jedoch friedlich und diszipliniert verhalten hätten, habe es keine Einwände gegen die höhere Beteiligung gegeben. Selbst am Ort der Abschlusskundgebung, dem Brandenburger Tor, durften Laster stehen.

Eigentlich sollte die Fläche frei bleiben. 30 Fahrer hätten sich allerdings schon in der Nacht dort aufgestellt. Durch den reibungslosen Beginn warmherzig gestimmt, entschied Polizeidirektor Schubert, dass sie bleiben dürfen: "Als Kulisse" für die vielen Fernsehkameras. Nach den Reden zogen jedoch überraschend 300 Fahrer zu Fuß zum Reichstag, um auch dort ihren Unmut über zu hohe Benzinpreise zu verkünden. Bundestagsvizepräsidentin Anke Fuchs versprach nach einem Gespräch mit einigen Fahrern, sich für deren Belange einzusetzen.

Erleichtert war die Polizei, dass viele Berliner in die BVG und die S-Bahn gewechselt sind. "Die Berliner haben sich endlich einmal an unsere Warnungen gehalten", sagte Schubert. Zu starken Behinderungen sei es nur an den Routen der Sternfahrt und den Abstellflächen der Laster gekommen. Im übrigen Stadtgebiet sei der Verkehr normal verlaufen, da viele Berliner ihr Auto zu Hause gelassen und den Öffentlichen Nahverkehr genutzt hätten. Die S-Bahn hatte im Berufsverkehr bis zu 30 Prozent mehr Fahrgäste; die BVG zählte bei Bussen 15 Prozent, bei der U-Bahn 10 Prozent und bei der Straßenbahn 5 Prozent mehr.

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