Berlin : Berliner Sängerbund: Sinnliche Arbeit

Frederik Hanssen

In Langen bei Neuruppin probt ein Gospelchor fürs Dorffest. In Wittstock laden sieben Chöre zum Sängertreffen. Allen Unkenrufen zum Trotz, der Laiengesang lebt, in Brandenburg - wie in Berlin. Im Umland sticht die Existenz der Amateur-Chöre stärker ins Auge als in der Stadt, wo sich berühmte Dirigenten, Sänger und Orchester die Klinke in die Hand geben. Hier blüht das Chorleben im Schatten der Stars.

200 Chöre sind im "Berliner Sängerbund" organisiert, vom Kinder- bis zum Seniorensingkreis, vom Männergesangverein bis zum Schwulen-Chor, insgesamt rund 10 000 Laien und Semiprofis. Am 25. September 2001 feiert diese Gemeinde das 100. Gründungsjubiläum ihres Verbandes. Grund genug für die Chorleiter, einen Rückblick auf die Geschichte anzuregen. Dass sie an Habakuk Traber herantraten, war mutig. Der Musikwissenschafter gehört zu den bekanntesten Vermittlern klassischer Musik in Berlin. Er ist aber kein Mann für Festschriften und kein Schönredner. Sein Ziel ist die Aufklärung. "Dieses Buch handelt vom Singen, also von einer der schönsten menschlichen Tätigkeiten. Dennoch bietet es nicht nur schöne Geschichten", warnt der Autor. Trotzdem kann sich jeder, der gerne mit anderen Musik macht und sich ein wenig für Geschichte interessiert, mit diesem Gesangbuch ruhig niederlassen. Er wird mehr über die Entwicklung im 20. Jahrhundert erfahren als er für möglich hält.

Die elf Ensembles, die sich 1901 zum Sängerbund zusammenschlossen, hatten zwei Dinge gemeinsam: Sie waren Männerchöre und sie waren vaterländisch eingestellt. Wie auch das Freimaurertum, die Studentenverbindungen und die Turnerbewegung erblühte die weltliche Laienchor-Tradition in Deutschland kurz nach der Französischen Revolution. "Freiheit" und "Vaterland" lauteten die Schlüsselworte. Differenziert und kenntnisreich erklärt Traber, warum sich der einst mit hehren Zielen angetretene Sängerbund nach 1871 zu einer völkisch-chauvinistischen Vereinigung wandelte, um sich schließlich den Nazis als singende Speerspitze geradezu aufzudrängen.

Dass Traber die dunklen Seiten der Geschichte des organisierten Chorgesangs nicht ausgeblendet hat, ehrt ihn und seine Auftraggeber. Und doch wird auch in den bedrückenden Kapiteln stets deutlich, worum es dem Autor geht: Die Geschichte einer "Volksbildungseinrichtung" will er erzählen, die sich zwar von der Politik vereinnahmen ließ, aber auch Hunderttausenden vermittelte, dass richtig verstandenes Chorsingen nichts mit Vereinsmeierei zu tun hat, sondern mit der Öffnung des Geistes - und auch mit Geselligkeit. Singen ist eine sinnliche Arbeit, die Spaß macht - auch denen, die zuhören. Weil bei Auftritten das Publikum einbezogen wird "in die schönen Strapazen des Kunstverstehens".

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