Berlin : Berliner Schnauzen

Deutschlands Musikhauptstadt strotzt vor kreativem Potenzial. Nicht erst seit heute

Sebastian Leber

Die ersten fünf Musikerjahre liefen gar nicht gut. Kaum jemand kam zu ihren Konzerten, die Platten verkauften sich praktisch überhaupt nicht. Bis zum 17. August 1982. Da trat die West-Berlinerin Gabriele Susanne Kerner mit Band in der Radio-Bremen-Sendung „Musikladen“ auf. Am nächsten Tag verkaufte sich ihre Single „Nur geträumt“ gleich 40 000 Mal – und Nena war ein Popstar.

Der Durchbruch kommt für Musiker meistens überraschend. Auch ihre Manager und die Musikjournalisten sind oft ahnungslos. Tatsache ist aber, dass die Berliner Musikszene seit Jahrzehnten immer wieder Künstler hervorbringt, die deutschlandweit – und manchmal darüber hinaus – erfolgreich sind. In den Achtzigern waren es Nina Hagen, Spliff und Ideal, heute sind es Bands wie Rammstein, Seeed und Rosenstolz sowie die Rapper von AggroBerlin. Nenas größter Hit „99 Luftballons“ schaffte es als „99 red balloons“ sogar in den USA an die Spitze der Charts. Die Punkpop-Band Die Ärzte ist mit Unterbrechung seit mehr als 20 Jahren erfolgreich und war in dieser Zeit 29 Mal in den deutschen Single-Charts vertreten. Der Hauptgrund für den Erfolg Berliner Musiker sei das „nachhaltige kreative Milieu“, sagt Stefanie Marcus von der Label-Commission Berlin, einem Zusammenschluss von 70 Plattenfirmen der Stadt. Vor der Wende hätten Künstler vom Inselstatus Berlins profitiert: „Keine Sperrstunde, kein Zwang zum Wehrdienst – und wenn man wollte auch kein Kontakt zur arbeitenden Bevölkerung“. In den Neunzigerjahren seien es die niedrigen Lebenshaltungskosten gewesen, besonders die Mietpreise, die Berliner Künstlern die Freiheit zum Schaffen gaben und andere aus ganz Deutschland anlockten. „Das muss man ganz unromantisch sehen: Für die meisten ist Musikmachen ein Verlustgeschäft. Die Instrumente und Proberäume kosten, bei Aufnahmen im Tonstudio kann man sogar arm werden. Also gehen Künstler dahin, wo sie wenig Geld zum Überleben brauchen, wo der Existenzdruck nicht so hoch ist.“

Das kreative Milieu sei in den Neunzigern noch einmal deutlich gewachsen. „Es ist aber noch etwas anderes hinzugekommen“, sagt Dietrich Pflüger vom Internetprojekt www.so-klingt-berlin.de, das online einen Überblick über die Musikindustrie der Stadt gibt. „Die kreativen Köpfe waren schon immer da. Neu ist, dass jetzt auch Menschen nach Berlin gekommen sind, die dafür sorgen, dass mit dem vorhandenen kreativen Potenzial etwas passiert.“ Damit meint Pflüger vor allem die großen Plattenfirmen wie Universal und Four Music, die in den vergangenen fünf Jahren ihren Hauptsitz an die Spree verlegt haben. Dazu kamen der Musiksender MTV, die jährliche Messe Popkomm und der Musikpreis Echo.

Für die vielen kleineren Labels der Stadt stellten die Musikriesen keine Bedrohung da, sagt Stefanie Marcus von der Label-Commission. Sie ist selbst Chefin des kleinen Spandauer Labels Traumton Records. „Wir leben gut nebeneinander her, ohne uns in die Quere zu kommen. Das sind eben die beiden musikalischen Seiten der Stadt.“

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