Berliner schreiben Bücher : Nebenberuf: Bestsellerautor

Klaus Wowereit tut es, Ursula Sarrazin zögert noch, viele andere haben es schon probiert. Und manche werden mit dem ersten Buch sogar zum Millionär.

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Wer ein Buch schreiben will, braucht Geduld, keine Angst vor Selbstzweifeln - und einen Verlag.
Wer ein Buch schreiben will, braucht Geduld, keine Angst vor Selbstzweifeln - und einen Verlag.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Thilo Sarrazin hat es mehrere Millionen beschert. Ob seine Frau nachlegt, diesen Sommer, sobald sie beurlaubt ist, hat sie noch nicht entschieden. Aber alleine ihre Tagebücher böten genug Stoff, frohlockte sie schon. Für ein Buch, um endlich das zu benennen, was an Deutschlands Schulen schiefläuft. Ihrer Meinung nach.

Warum machen das Menschen: ein Buch schreiben, obwohl sie keine Schriftsteller sind. Und vor allem: Warum sind viele davon so erfolgreich? Etliche Bestseller der vergangenen Jahre stammen aus der Feder von Berlinern, die eigentlich einer ganz anderen Tätigkeit nachgehen. Zu den gefeiertsten zählte „Verbrechen“, der Kurzgeschichtenband des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, nach anderthalb Jahren bereits in der 20. Auflage. Schauspieler Daniel Brühl schreibt gerade ein Buch über seine Geburtstadt Barcelona. Über streitlustige Gemüsehändler und über seinen Opa, den Stierkampfreporter. Schon diesen Mai soll es erscheinen, wie das von Klaus Wowereit zur Integration. Doch im Moment mag Brühl nicht darüber sprechen. Er sitzt noch am Manuskript.

Geld kann ein Motiv sein. Brühls Verlag hat schon angekündigt, dass der Schauspieler sein Werk in Talkshows bewerben will. Das garantiert Umsätze – und Brühl sicher mehrere 10 000 Euro Vorschuss, sagt einer aus der Branche.

Aber das allein erklärt es nicht. Bernhard Schlink, der HU-Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie, dem mit „Der Vorleser“ ein Welterfolg gelang, hat einmal versucht, seine Motivation zu erklären. Er schreibe aus demselben Grund, aus dem andere lesen: „Man will nicht nur ein Leben leben.“

Manchmal gerät dieses zweite Leben zum Märchen. Wie bei Sebastian Fitzek, einst Berater für Radiosender. Er reiste ständig durch Deutschland, verbrachte viel Zeit in DB-Lounges. Mal was Eigenes machen, das wollte er. Also schrieb er los. Warum der Thriller „Die Therapie“ dann im Sommer 2006 plötzlich – ohne Werbung und trotz Miniauflage – auf Platz eins bei Amazon landete, verstand er selbst nicht. Der Internetversand auch nicht, aus deren Europazentrale ging eine Mail an die deutsche Sektion: „Who the fuck is Fitzek?“

Inzwischen wissen sie es. Sechs Thriller hat der Berliner bereits veröffentlicht, mehr als zwei Millionen Bücher allein in Deutschland verkauft. Sein Debüt wurde in 25 Sprachen übersetzt, Verfilmungen sind in Planung. Seinem regulären Job geht Fitzek nur noch zweieinhalb Tage die Woche nach, ansonsten sitzt er zu Hause in Charlottenburg in seinem Wintergarten und tippt. Die Arbeit ist eine sehr andere, sagt der 39-Jährige. Man muss schwer aufpassen, nicht zu verlottern. Deshalb hat sich Fitzek eine Regel ausgedacht: immer angezogen vorm Laptop. Nie im Bademantel.

Viele, die nebenher schreiben, berichten von argen Selbstzweifeln. Von solchen, die sie gar nicht kannten oder in ihrem Hauptberuf längst überwunden glaubten. Außerdem sind die Märchen rar. In Berlin gehört es besonders für Journalisten und Politiker zum guten Ton, an einem Buchprojekt zu arbeiten. Funktioniert mal eins, ziehen andere nach: Dank Schirachs Erfolg gibt es nun eine Schwemme von Autoren, die wahre Verbrechen nacherzählen. Unter anderem wagte sich der ehemalige Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Michael Grunwald, an ein solches Buch. Titel: „Von Müllbabys und Klaukindern: 16 authentische Kriminalfiktionen um Macht und Missbrauch“. Bislang ohne vergleichbaren Erfolg. Auch bei Thilo Sarrazin war der zunächst nicht zu erwarten. Sein Verlag plante mit 25 000 Exemplaren, mittlerweile hat er das Fünfzigfache verkauft. Braucht man ein echtes Anliegen, um nebenbei ein Buch zu verfassen? 

Anruf bei Denis Scheck, dem Literaturkritiker. Einmal im Monat, wie auch heute, bespricht er im Tagesspiegel die aktuelle Bestsellerliste, jetzt sitzt er gerade im Taxi, auf dem Weg zu einem Termin, aber ja, er hat Zeit. In der Vergangenheit hat Scheck für Bücher von Gelegenheitsschriftstellern oft harsche Worte gefunden. Margot Käßmanns „In der Mitte des Lebens“ nannte er „unausgegoren“ und „unverdaulich“, Bernhard Schlinks Schreibstil „hölzern und recht nah am Verwaltungsdeutsch“, auch Dramaturgie sei dessen „Spezialität wahrlich nicht“. Dagegen kam Ferdinand von Schirachs neuer Band „Schuld“ noch relativ glimpflich davon – als „fast schon akzeptables Buch“. Sollten sich Nebenher-Schreiber lieber prinzipiell zurückhalten? Ganz im Gegenteil, sagt Denis Scheck am Telefon. Man denke doch nur an Kafka und Benn, der eine Beamter, der andere Arzt. Überhaupt sei das Berufsbild „freier Schriftsteller“ eine Illusion, denn wessen Einkommen ausschließlich auf Buchverkäufen und Lesungen beruhe, sei nicht frei im Kopf, sondern den Kräften des Marktes komplett ausgeliefert. Schwierig sei allerdings, wenn Prominente versuchten, mit ihrer auf einem ganz anderen Feld erworbenen Popularität ein paar schnelle Euros zu gewinnen. Deshalb die Verrisse.

Bloß hauptberuflichen Schriftstellern ein herausragendes Buch zuzutrauen, nennt Scheck „unliterarisches Denken“. Zu viele Menschen glaubten, ein Bürgermeister könne nur Bürgermeister-Prosa liefern. Vielleicht hätte Scheck ein anderes Beispiel gewählt, wenn er da schon gewusst hätte, dass gerade Wowereit an einem Buch über Integration arbeitet.

Was Hobbyautoren leicht passiert: Sie werden angefeindet. Dafür braucht es keine Sarrazin-Thesen. Es reicht schon, dass überhaupt einer den Rollenwechsel wagt, sagt Sascha Lobo, der Berliner Blogger. Als 2010 sein Romandebüt „Strohfeuer“ erschien, hätten einige verärgert reagiert: Muss der Typ, der in Talkshows ständig das Internet erklärt, nun unbedingt auch noch einen Roman schreiben? Ja, musste er. Weil Prosa für Lobo „das Krönchen der Arbeit mit Text“ sei. Romane sind nicht einfach, sagt Lobo heute. Er saß oft stundenlang vor seinem Laptop und wartete auf Einfälle. Er legte sich Rituale zu, trank tagsüber Himbeer-Tee, abends Riesling. Als der Verlag einen Veröffentlichungstermin ansetzte, ließ Lobo zwei Abgabetermine verstreichen. Am Ende klappte es doch. Jetzt plant der Mann schon sein nächstes Buch – diesmal schreibt er aber auf Fuerteventura.

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