Berliner Schul-Dschungel (3) : Das große Miteinander

Schulanfänger sitzen neben Zweit- und Drittklässlern. Schwache Schüler arbeiten zusammen mit starken. Chaos oder optimale Schulform? Das jahrgangsübergreifende Lernen ist noch immer umstritten.

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Lesen und mehr. Madlen Schmitz gehört zu den Lehrerinnen, die überzeugt sind von der Jahrgangsmsichung. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Für die einen ist es das bloße Durcheinander, für die anderen die einzig richtige Unterrichtsform: Das jahrgangsgemischte Lernen spaltet seit Jahren die Geister in den Grundschulen – Eltern- und Lehrerschaft gleichermaßen. Die Vorstellung, dass ABC-Schützen neben Zweit- oder sogar Drittklässlern sitzen und gleichzeitig unterrichtet werden sollen, kommt vielen unsinnig und chaotisch vor. Wie soll es funktionieren, dem einen die Buchstaben beizubringen, während der andere schon ganze Texte lesen kann? Das fragen sich Viele seit Jahren, und nicht alle ließen sich von den Antworten überzeugen. Deshalb gibt es in Berlin jetzt 70 Prozent Grundschulen mit und 30 Prozent ohne Jahrgangsmischung. Eltern haben also die Wahl zwischen beiden Systemen. Was aber ist besser für das eigene Kind?

Wer das entscheiden möchte, muss wissen, wie die Jahrgangsmischung überhaupt funktioniert. Wichtig ist zunächst, dass es dort keine reinen ersten und zweiten Klassen gibt. Anders ausgedrückt: Rund zwölf Lernanfänger kommen in eine Klasse, in der schon ebenso viele Zweitklässler auf sie warten. Diese Zweitklässler können nicht nur schon mehr oder weniger lesen und schreiben, sondern sie sind auch in der Lage, den „Kleinen“ den Einstieg in ihr Schulleben zu erleichtern, indem sie ihnen alles Neue und Fremde erklären.

Der gewohnte „Frontalunterricht“, den viele Eltern aus ihrer eigenen Schulzeit noch kennen, ist damit passé. Die Lehrkräfte bereiten vielfältige Lernmaterialien vor, die den unterschiedlichen Vorkenntnissen der Kinder Rechnung tragen. Jedes Kind kann dann für sich das Material aus dem Regal holen, das seinem Lernstand entspricht. Was abgearbeitet ist, wird buchstäblich abgehakt, so dass die Lehrerin nachsehen kann, wie weit jedes einzelne Kind gekommen ist. Damit die Kinder wissen, welche Aufgaben ihrem Lernstand entsprechen, bekommen die Arbeitsblätter Symbole: Die einfachen Aufgaben tragen zum Beispiel einen kleinen Stern als Stempel, die anderen Sonne oder Mond. Entsprechend gibt es also Sonnen-, Mond- und Sternenkinder.

Zu den Pädagogen, die das jahrgangsgemischte Unterrichten für sich entdeckt haben, gehört etwa Madlen Schmitz. Akribisch hat sie Bastel- und Schreibmaterial zusammengetragen, um allen Kindern Tag für Tag Anregungen bieten zu können. Alles lagert säuberlich gestapelt in 150 Kartons, die von farbiger Kreide, über ein „Frosch-ABC“, Tierkarten bis hin zu Perlen und bunten Papierstreifen alles beinhalten, was Kinder irgendwie brauchen können, um Zahlen und Buchstaben mit Leben zu füllen und anschaulich zu machen.

Regelmäßig lädt Madlen Schmitz in die Charlottenburger Goerdeler-Schule, um Lehrern und Erziehern zu zeigen, wie „JüL“ funktioniert. Da kann man dann sehen, wie sich die Kinder in Kleingruppen oder auch allein ihren Aufgaben widmen: Einige Schüler üben zusammen im Klassenraum das Einmaleins, während auf dem Flur eine Mädchengruppe kleine Perlenstränge so aneinander fügt, dass die Zahl Tausend erreicht wird. Ihr Klassenkamerad kniet derweil daneben und geht geometrischen Figuren auf den Grund, indem er sie Alltagsgegenständen zuordnet. Und eine weitere Schülerin steht vor einer Stellwand und überlegt, welche Zahlen addiert „zwölf“ ergeben.

Madlen Schmitz geht herum, hilft hier, rät dort und auch die Kinder unterstützen sich gegenseitig. Zum Abschluss sollen alle überlegen, ob sie mit sich und ihrer Tätigkeit zufrieden waren. Sie klemmen zum Beispiel eine Wäscheklammer an einen Papp-Igel, der ein lachendes, ein trauriges und ein „neutrales“ Gesicht macht. Meist bekommt die lachende Seite die meisten Klammern ab.

Einige Lehrerinnen, die hospitieren, bleiben dennoch skeptisch. Eine meint etwa, dass JüL sich für Europaschulen nicht eigne, weil die Kinder dort in zwei Sprachen alphabetisiert werden. Wenn dann auch noch die Altersmischung hinzukomme, entstehe ein Durcheinander, das gar nicht mehr beherrschbar sei. Schmitz wiederspricht: Ihre Schule sei ja auch Europaschule und sie habe die Erfahrung gemacht, dass es funktioniert.

Auch andere Einwände lässt sie nicht gelten. Für eine der hospitierenden Lehrerinnen ist die Unterrichtsform ganz ungewohnt. Sie sagt: „Ich fühle mich nicht sicher, wenn ich etwas machen soll, das ich nicht kann.“ Madlen Schmitz beschwichtigt, ihr sei es zu Beginn nicht anders gegangen. Das Handwerkszeug aber könne man sich erarbeiten. Selbst den Einwand, das selbstständige Lernen sei nicht geeignet für schwierige Kinder, wehrt Madlen Schmitz ab: „Gerade das gegenseitige Helfen stärkt doch die Sozialkompetenz.“ Zudem sei es eine schöne Erfahrung für schwache Schüler, die dann plötzlich ihren jüngeren Mitschülern etwas zeigen oder erklären können, und so die Erfahrung machen, dass auch sie etwas gelernt haben.

Wie Madlen Schmitz haben sich Dutzende Lehrer in den letzten Jahren bemüht, Zweifler auf die Seite von JüL zu ziehen – mit mehr oder weniger Erfolg. Die Kreuzberger Grundschulrektorin und langjährige JüL-Fachfrau Rosi Stetten sagt heute angesichts der anhaltenden Widerstände, es mache keinen Sinn, alle Lehrer für die Jahrgangsmischung gewinnen zu wollen. Der Widerstand sei mancherorts einfach zu groß.

Es hat lange gedauert, bis die Politik den Widerstand ernst nahm. Zunächst sollte JüL schon 2006 flächendeckend eingeführt werden. Im letzten Augenblick gewährte der damalige Bildungssenator Klaus Böger (SPD) Aufschub. Aber auch das reichte den Gegnern nicht. Ihr Widerstand blieb so groß, dass Bögers Nachfolger Jürgen Zöllner (SPD) im Frühjahr 2008 entschied, den Zeitdruck nochmals abzuschwächen: Vorläufig wird niemand zu JüL gezwungen. Hintergrund für seine Entscheidung war die Überlegung, dass auch die beste Reform mehr schadet als nutzt, wenn sie den Beteiligten gegen ihren Willen aufgezwungen wird.

Für manche Schulen kam dieses Einlenken zu spät: Sie hatten – in Erwartung der verbindlichen Einführung – bereits auf JüL umgestellt, ohne dass die Lehrkräfte dahinterstanden. Die Lehrerin ihres Sohnes sei krank geworden durch die Überlastung, die sich durch die ungewohnte und ungeliebte Unterrichtsform eingestellt habe, sagt eine betroffene Mutter. Mehr noch: Ihr Sohn habe darunter gelitten, dass sein vertrauter Klassenverband plötzlich auseinandergerissen wurde, weil seine zweite Klasse mit Erstklässlern gemischt werden sollte. Trotz der schlechten Erfahrungen rät die Mutter Eltern nicht generell von JüL ab. „Wenn eine Lehrerin Lust dazu hat und es gut kann, dann bringt es den Kindern Vorteile.“ Eltern sollten sich deshalb vergewissern, ob die jeweilige Lehrkraft dahinter steht. Zudem sei die Unterstützung durch das Kollegium und den Schulleiter wichtig.

Vielen Eltern gefällt, dass die älteren Kinder als „Lesepaten“ für die kleinen eingesetzt werden und dabei auch selbst etwas lernen. Andere fürchten dagegen, dass leistungsstärkere Kinder unterfordert werden oder ständig als „Hilfslehrer“ herhalten müssen. Auch das muss nicht sein, sagen die Befürworter. Im Gegenteil, die Jahrgangsmischung könne sogar eine zusätzliche Chance für Hochbegabte sein. Ein Kind, das schon zur Einschulung liest und rechnet, muss sich dann gar nicht erst langweilen, sondern kann gleich die Aufgaben der Zweitklässler lösen und nach nur einem Schuljahr in die dritte Klasse wechseln.

„Hochbegabte profitieren besonders: Sie werden nicht klein gehalten“, ist Madlen Schmitz überzeugt. Schulen, die seit langem die Jahrgangsmischung praktizieren, etwa die Neuköllner Peter-Petersen- Schule, gelten längst als Geheimtipp für Familien hochbegabter Kinder. Allerdings wenden Kritiker ein, dass man diese Schulen als „Sonderfälle“ betrachten müsse, weil sie spezialisiert seien und voll hinter dem Konzept stünden.

Die Berliner Kritiker sind nicht allein. Bundesweit herrscht die Überzeugung vor, dass man ein derart kompliziertes und eigenwilliges Unterrichtsprinzip nicht von oben verordnen könne. Bundesländer wie Bayern und Brandenburg begnügen sich deshalb mit der Freiwilligkeit. In Berlin hatten CDU und FDP vehement gefordert, den Schulen die Beteiligung freizustellen – ohne Erfolg. Auch eine Klage vor Gericht, die von Eltern angestrengt worden war, führte nicht zum gewünschten Ziel. Somit bleibt den Gegnern nur die Hoffnung, dass die Übergangsfrist ins Unendliche ausgedehnt oder das Schulgesetz geändert wird. Ob das eine oder andere passiert, wird davon abhängen, ob die Jahrgangsmischung auf breiter Basis funktioniert.

Wer bei Madlen Schmitz hospitieren möchte, muss sich per Mail anmelden bei schmitz-madlen@web.de.

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