Berliner Schulen : Abschied von der "Kuschelpädagogik"

Nach zahlreichen Angriffen auf Berliner Lehrer will das Land seine Pädagogen erstmals gezielt auf den Umgang mit aggressiven und gewalttätigen Schülern vorbereiten. Viele Lehrer seien mit der gegenwärtigen Situation überfordert, sagte FU-Forscher Jürgen Körner.

Ulrike von Leszczynski[dpa]

BerlinDie Klappmesser stecken in den Schultaschen, auch eine Pistole ist mal mit dabei. Was Lehrer an manchen Berliner Schulen an Gewaltbereitschaft erleben, nennen Wissenschaftler inzwischen offen eine Überforderung. Nun will das Land Berlin erstmals gezielt gegensteuern und 400 Pädagogen den Umgang mit gewalttätigen Schülern in Weiterbildungsseminaren lehren. Anders als der private Wachschutz vor 13 Schulen im sozialen Brennpunktgebiet Neukölln soll dieser Pilotversuch in die Tiefen eines vielschichtigen Problems vorstoßen. Lehrer sollen unter anderem lernen, dass es verschiedene Typen von Gewalttätern gibt - und ein angemessenes Reagieren viel mit theoretischem Wissen über die Ursachen von Aggression zu tun hat.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass die Neuköllner Rütli-Schule bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Das Kollegium kapitulierte vor der Schülergewalt und brachte sogar die mögliche Schließung der Schule mit ihrem hohem Ausländerteil ins Gespräch. Inzwischen ist "Rütli" in Berlin durch viele Initiativen zu einem Begriff für erfolgreiche Integration geworden, Schule ist dort wieder möglich. Doch nun werden anderswo Lehrer geschlagen, Mitschüler bestohlen oder verprügelt. Lange haben Schulen solche Attacken aus Sorge um ihren Ruf verschämt verschwiegen. Heute sei das anders, sagt Berlins Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall: "Ein offenes Reden ist möglich." Die Atmosphäre sei "wahrheitsgetreuer".

Lernfeld Jugendaggression

Jürgen Körner, Gewaltforscher an der Freien Universität Berlin (FU), sieht in den neuen Schulungen für Lehrer einen endgültigen Abschied von der "Kuschelpädagogik". Lehrer müssten neu lernen, mit sehr schwierigen Schülern umzugehen; frustrierten, gewaltbereiten Störenfrieden, die manchmal schon ein Drittel der Klassen ausmachten. "Lehrer sind überfordert, weil sie korrigieren müssen, was in Elternhäusern versäumt wird", erläuterte Körner. Erziehungsdefizite gebe es nicht nur in Migrantenfamilien, sondern in allen bildungsfernen Schichten. Auf die Rolle des Erziehers aber seien insbesondere Oberschullehrer oft nicht gut vorbereitet. Sie wüssten auch wenig über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über Jugendaggression - und mögliche Auswege aus der Gewaltspirale.

Den FU-Forschern, die das Schulungsprogramm aus ihrer Erfahrung mit jugendlichen Straftätern unter dem Namen "Denkzeit" konzipierten, sind die Grenzen des Pilotversuchs bewusst. Theoretisches Wissen hilft wenig, wenn ein Schüler mit einem geöffneten Klappmesser vor seinem Lehrer steht. "Aber solches Wissen hilft, um es gar nicht so weit kommen zu lassen", sagt Forscherin Rebecca Friedmann. "Wir brauchen kein Karate für Lehrer, sondern Wissensvermittlung."

Experte: Ausbildung geht an Realität vorbei

Friedmann betont immer wieder, dass es "den" Gewalttäter schlicht nicht gibt. Es gebe verschiedene Aggressions-Typen. Deshalb seien allgemeine Bestrafungen schlicht sinnlos. Und Wachschutz vor Schulen schrecke auch nur einen Teil von gewaltbereiten Jugendlichen ab. Ein Täter mit einem schlechten Gewissen müsse anders behandelt werden als einer, der gar kein Unrechtsbewusstsein habe, betonte Friedmann. Am schwierigsten sei es zweifellos mit "Frusttätern", die sich ihre Opfer wahllos suchten. Solche Unterschiede sollen Lehrer in den Schulungen erkennen lernen.

Dass freiwillige Weiterbildungen für 400 Lehrer in einer Großstadt wie Berlin das Gewaltproblem an manchen Schulen kaum lösen werden, ist auch dem Landesschulrat klar. "Es ist ein Anfang", sagt er kurz. FU-Erziehungswissenschaftler Gerd Hoff sagt, die heutige Lehrerausbildung in Bachelor-Studiengängen bereite Studenten überhaupt nicht auf die Realität an Schulen vor. Es sei Sache des Landes, die Studienpläne zu ändern.

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