Berliner Schulen : „Jetzt habe ich es selbst in der Hand“

Für sie sind die Ferien längst zu Ende: Wie eine Weddinger Direktorin das neue Schuljahr plant.

Susanne Vieth-Entus

Das Linoleum blitzt, die Stühle stehen umgedreht auf Tischen, kein Laut dringt durch die langen Flure des orangefarbenen Schulgebäudes, das wie ein Raumschiff aus den 70er Jahren an der Putbusser Straße angelegt hat: In der letzten Woche der Sommerferien scheint der Schulbeginn im Weddinger Diesterweg-Gymnasium noch Lichtjahre entfernt.

Allerdings nur auf den ersten Blick. Wenn man das große Foyer hinter sich gelassen hat, finden sich plötzlich ein paar beleuchtete Räume, in denen Telefone schrillen und Anrufer mehr oder weniger gute Botschaften verbreiten.

Zu den weniger guten Botschaften gehört, dass sich ein Kollege den Fuß gebrochen hat, ein anderer schwer erkrankt ist. Für sie muss Ersatz gefunden werden. „Alles auf Anfang“, heißt das in Bezug auf die Stundenpläne, die schon fix und fertig vorbereitet waren. Aber das gehört zum Geschäft. Letztes Jahr 24 Mal.

Aber davon will Direktorin Brigitte Burchardt jetzt gar nicht reden. Sie blickt nach vorn, und da liegt eine ganz neue Herausforderung: Erstmals kann sie selbst dafür sorgen, dass für erkrankte Lehrer Ersatz kommt. Denn die Germanistin hat sich dafür entschieden, von der neuen Möglichkeit eines eigenen Personalbudgets Gebrauch zu machen.

„Jetzt habe ich das in der Hand“, lautet einer der ersten Sätze, die Brigitte Burchardt sagt, wenn man sie nach ihren Erwartungen an das neue Schuljahr fragt. Es ist für die 56-Jährige erst das zweite Jahr als Schulleiterin, und dennoch hat sie sich wie 80 Prozent ihrer Kollegen entschieden, an der sogenannten Personalkostenbudgetierung teilzunehmen. Das bedeutet: Wenn ein Lehrer erkrankt, hat sie eigene Mittel, Vertretungskräfte einzustellen. In der Diesterweg-Schule mit ihren 63 Lehrern stehen dafür etwa 1600 Euro pro Woche zur Verfügung. Diese Summe reicht, um rund 30 Vertretungsstunden à 50 Euro zu finanzieren. „Ich habe schon mit einigen Teilzeitkräften und auch mit frisch pensionierten Kollegen gesprochen, die bereit wären, Vertretungsstunden zu geben“, berichtet Burchardt.

Vor der ersten Grippewelle haben Burchardt und ihre Stellvertreterin Barbara Grenzius dennoch Angst. Früher war immer eine feste Vertretungsreserve bei der Personalausstattung vorgesehen, dieses Jahr erstmals nicht. Die GEW fürchtet sogar, dass etliche Schulen nicht einmal die Grundausstattung mit Lehrern bekommen haben, und macht deshalb gerade eine Blitzumfrage bei den Kollegen.

Die Lehrer in der Diesterweg-Schule sind im Schnitt 52 Jahre alt. „Die Kollegen werden immer älter, aber die Anforderungen steigen“, gibt Barbara Grenzius zu bedenken. Die Altersteilzeit sei weggefallen, der Reformdruck und die Zahl der Unterrichtsstunden aber gestiegen. All das gelte es zu bedenken, wenn man über das neue Schuljahr spreche.

Dennoch hat die Direktorin große Pläne: „Ich interessiere mich für das Ganztagsschulmodell der Neuköllner Albert-Schweitzer-Schule und denke über ein Mittagessenangebot nach“, berichtet sie. Immerhin verfügt ihr Gebäude, das mal eine Fachoberschule werden sollte, über entsprechende Räumlichkeiten.

Aber das ist Zukunftsmusik. Erst mal gibt es Dringlicheres: Ein Rundgang mit dem Hausmeister steht an, auch ein Gespräch mit der Arbeitsagentur über Berufs- und Studienberatung. Und ins frisch geputzte Lehrerzimmer hat es reingeregnet. Vor allem aber: Am Montag werden rund 750 Schüler ins Gebäude strömen, darunter 160 Siebtklässler, die Mitte Juli die Grundschule verlassen haben und gedanklich noch in den großen Ferien sind. Sie alle sollen sich wohlfühlen, wenn das Raumschiff in der Putbusser Straße am Montag seine großen Türen öffnet.

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