Berliner Schulen : Lehrer suchen nach gefährlichem Sprengstoff

Bis zum 1. September haben sie noch Zeit, Berlins Chemielehrer. Mit dem Start des neuen Schuljahres nämlich müssen die hochexplosiven Bestände der Pikrinsäure überprüft worden sein. An elf Schulen schon wurde die gefährliche Substanz entdeckt.

Till Erdtracht[ddp]

BerlinDie ersten Funde haben sie aufgeschreckt. Trotz Ferien eilen viele Chemielehrer in die Schulen zurück. Dort überprüfen sie die Chemikalienbestände auf einen Stoff, der getrocknet äußerst gefährlich sein kann. Überlagerte und damit schon kristallisierte Pikrinsäure wurde im Juli an elf Schulen entdeckt. "Offenbar wurde nicht regelmäßig auf die Stoffe draufgeschaut", sagt der Sprecher der Senatsbildungsverwaltung, Kenneth Frisse.

Direkt nach dem ersten Fund am 11. Juli an der Herder-Oberschule in Westend seien alle Schulen aufgefordert worden, ihre Bestände zu überprüfen, sagt Frisse. Wegen der Ferien hätten die Schulen noch bis zum Unterrichtsstart am 1. September Zeit. Frisse nimmt die Schulen in die Pflicht: Eine regelmäßige Überprüfung der Stoffe sei ihre Aufgabe. Jeder Chemielehrer müsse von der Gefahr wissen, die von Pikrinsäure ausgehe. Bei jeder Bestellung sei zudem ein "Waschzettel" dabei, der über die richtige Handhabung und Lagerung informiere.

Der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zufolge sind gerade viele Chemielehrer überlastet. Dies entbinde sie natürlich nicht von ihren Aufgaben, betont GEW-Sprecher Peter Sinram. Die Gefahrstoffverordnung schreibt eine Kontrolle der Stoffe einmal Jahr vor. Nach Angaben des Sicherheitsbeauftragten für das Chemielabor der Freien Universität Berlin (FU), Thomas Lehmann, muss Pikrinsäure "wasserfeucht" gelagert werden. "Dann ist die Substanz sehr friedlich", erläutert er. Das ändere sich schlagartig, sobald das Wasser verdampft sei. Dies sei nach längerer Lagerung zu erwarten.

Pikrinsäure soll an Schulen vollständig abgeschafft werden

Das Landeskriminalamt (LKA) mahnt zur Vorsicht: Schon bei geringsten Zweifeln sollten Lehrer die Finger davon lassen und die Polizei rufen, die den Stoff entsorge. Allein das Öffnen eines Chemiebehälters mit Pikrinsäure könne lebensgefährlich sein, warnt LKA-Sprengstoffexperte Jürgen Thiele. "Wenn ein Gramm in der Hand explodiert, hat sich das mit den Fingern erledigt", sagt er.

Die geringste Reibung, etwa beim Öffnen des Schraubverschlusses vom Behälter, könne zur Detonation führen, sagt Thiele. Der Stoff sei brisant, weil er unberechenbar sei. Deshalb habe sich das Militär entschlossen, auf Pikrinsäure zu verzichten. Früher wurde sie als Explosivstoff zur Füllung von Granaten verwendet, später jedoch durch TNT ersetzt. Die Sprengkraft von Pikrinsäure sei aber weit höher, weiß Thiele. Er plädiert dafür, die Pikrinsäure-Bestände an den Schulen vollständig aufzulösen. Entsprechende Gespräche zwischen der Senatsbildungsverwaltung und der Polizei laufen bereits.

Für Pikrinsäure gibt es unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten: In der Industrie wird sie zum Beispiel als Ätz- und Färbemittel verwendet. Für den Chemieunterricht ist sie interessant, um eine reizvolle Reaktion zu erzeugen. Werde die Substanz zum Beispiel zu einem aminhaltigen Stoff hinzugegeben, erhalte man einen zitronengelben Niederschlag, erläutert Chemieprofessor Hans Reißig von der FU. "Das ist echt was fürs Auge." Zwar gebe es ungefährlichere Versuche, diese seien aber weniger zuverlässig und farbenfroh.

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