Berlin : Berliner Senioren-Computerclub: Der älteste Lehrling ist 86 Jahre alt

Beate K. Seiferth

Hochkonzentriert sitzt Gerhard Mludek vor dem Bildschirm. Der 64-Jährige will in Zukunft seine Haushaltskasse per Computer verwalten und seine Urlaubsbilder am PC bearbeiten. Ganz wild ist der Neuköllner auf seinen ersten Besuch im Internet. "Dann kann ich meiner Tochter endlich e-Mails schreiben", sagt er voller Vorfreude. Doch zunächst will er "erst mal was von Computern verstehen", sich die Grundkenntnisse aneignen. Einen Platz weiter lernt der 72-jährige Rolf Döbbke gerade wie die Tastatur funktioniert.

Seit November sind Döbbke und Mludek Mitglieder des Berliner Senioren-Computerclubs (BSCC). Beide sind fest entschlossen, sich von den Anfangsschwierigkeiten nicht abschrecken zu lassen. Und weil Lernen ja auch Spaß machen soll, gönnen sie sich hin und wieder mal ein Spielchen am PC.

Am besten den Enkel fragen

Einmal pro Woche kommen die Computerneulinge zum zweistündigen Unterricht in den Club an der Einbeckerstraße 85 in Lichtenberg. Und danach heißt es: üben, üben, üben. Auch der 67-jährige Klaus Drebes, seit Ende vergangenen Jahres Vereinsvorsitzender, gehört zu den Computereinsteigern. "Wenn ich mal nicht weiter weiß, frage ich einfach meinen Enkel", sagt der ehemalige Hochschulprofessor.

"Angefangen haben wir im Haus meiner Frau", erinnert sich Erich Miller, der vor vier Jahren gemeinsam mit seinem Freund Werner Müller den Verein ins Leben rief. Doch dort wurde es schon bald zu eng. "Im Handumdrehen waren die ersten 30 Mitglieder da", erinnert sich der 84-Jährige. Die Gruppe hatte Glück. Nach Anfragen beim Bezirk bekamen sie vier Räume in einem kommunalen Gebäude, für die sie lediglich die Betriebskosten zahlen müssen.

Doch mittlerweile reicht auch dort der Platz nicht mehr aus. Denn im vergangenen Jahr stieg die Mitgliederzahl von 160 auf 360. Der älteste "Computerlehrling" ist 86. Drebes hofft, dass der Bezirk nochmals unter die Arme greift. Denn nur so kann der Club auf Dauer für jedermann zugänglich bleiben. "Wenn wir Miete zahlen müssen, können wir die Beiträge von zehn Mark pro Monat nicht mehr halten", so Drebes. Doch genau das gehört mit zur Club-Philosophie. Erschwinglich auch für den kleinsten Geldbeutel soll er sein. Unter den Mitgliedern finden sich Hausfrauen, ehemalige Bauarbeiter, Ingenieure und Professoren. Berührungsängste zwischen Ost und West gibt es in dem Club offenbar auch nicht: Von Zehlendorf bis Marzahn kommen die ergrauten Computer-Schüler.

Wichtig ist Drebes die kontinuierliche Mitgliedschaft im Club. "Uns geht es nicht nur darum, dass bei uns kostengünstige Kurse belegt werden, sondern vor allem um eine dauerhafte Zusammenarbeit." Denn die Kurse sind nur deshalb so preiswert, weil ehemalige Schüler den Unterricht ehrenamtlich leiten. Auch Eleve Dieter Witte ist Anwärter auf einen Lehrerposten, zunächst als Assistent. "Ich kann es kaum glauben, dass ich es am PC so weit gebracht habe", sagt der 58-jährige Neuköllner. Denn noch vor zwei Jahren hatte Witte wegen seiner Parkinsonerkrankung "einen Horror vor Computern". Inzwischen layoutet er die Zeitung der Berliner Regionalgruppe der Deutschen Parkinsonvereinigung am PC. Und wenn er beim Schreiben eines Textes "wegen des Händezitterns" mal wieder die falsche Taste erwischt, ist der Fehler leicht behoben. "Mein Tipp-Ex Verbrauch gehört der Vergangenheit an."

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