• Berliner Sexualmediziner über Prävention für Pädophile: "Jeder einzelne Übergriff trifft uns hart"

Berliner Sexualmediziner über Prävention für Pädophile : "Jeder einzelne Übergriff trifft uns hart"

Sexualmediziner Klaus Beier spricht im Interview über sein Präventionsprojekt für Pädophile, Misserfolge bei der Therapie und die Angst der Betroffenen vor Stigmatisierung.

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Klaus Michael Beier ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité.
Klaus Michael Beier ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité.Mike Wolff

Pädophilie ist wie eine chronische Krankheit. Man kann aber versuchen, das Verlangen nach Kindern zu beherrschen. An der Charité entstand 2005 ein einzigartiges Projekt: Das Netzwerk „Kein Täter werden“ bietet Pädophilen anonyme Therapien an. Acht Anlaufstellen gibt es bundesweit, 3300 Männer haben sich an die Experten um den Charité-Sexualmediziner Klaus Michael Beier gewandt. Noch wird die Berliner Zentrale des Netzwerks jährlich mit 390 000 Euro vom Bundesjustizministerium gefördert.

Professor Beier, ein Prozent aller Männer soll pädophile Neigungen haben. Ist jedes Milieu gleich betroffen, hat also jeder hundertste Handwerker, Lehrer oder Politiker derartige sexuelle Fantasien?
Ja, soweit wir das aus vorliegenden Daten sagen können. Keine soziale Schicht und keine Berufsgruppe ist ausgenommen. Neben der Pädophilie ist das einzige gemeinsame Merkmal der Betroffenen, dass sie damit unglücklich sind.

Wie viele Pädophile leben mit ihrer Neigung, ohne ein Kind zu missbrauchen?
Viele. Es gab vor ein paar Jahren eine Studie zu 40 bis 79 Jahre alten Männern, die Berliner-Männer-Studie. Viele Männer fanden kindliche Körper erregend, hatten aber keine Überbegriffe begangen. Und die Befragten waren älter als 40. Es gibt Pädophile, die ein so ausgeprägtes Problembewusstsein haben, dass keine Gefahr besteht, dass sie übergriffig werden. Ich hatte einen Patienten, der als Pädagoge mit Kindern zu tun hatte. Er hat glaubhaft berichtet, nach dem Unterricht nicht nur alle Veranstaltungen zu meiden, auf denen Kinder sind. Er schaute sich auch keine Missbrauchsbilder an.

Ob jemand solche Aufnahmen sieht, können Sie doch nicht kontrollieren.
Das ist richtig. Aber wir können in unserem Präventionsprojekt von einer großen Offenheit ausgehen. Die Männer kommen freiwillig zu uns. Außerdem gilt wie bei anderen Neigungen auch: In ihrer individuellen Ausprägung unterscheiden sich die Vorlieben stark. Einige brauchen als orgasmusauslösenden Stimulus gar keine Fantasien von Körperkontakt. In solchen Fällen sind es bekleidete Kinder, wie in Wäschekatalogen. Bei diesen Männern ist plausibel, dass sie keine Missbrauchsabbildungen nutzen.

Wie viele Ihrer Patienten schauen sich Missbrauchsfotos an?
Viel zu viele. Etwa 70 Prozent der Betroffenen geben an, Missbrauchsabbildungen genutzt zu haben. In der Therapie lernen sie, sich auf Bilder zu beschränken, die nicht zum Zweck hergestellt wurden, Bedürfnisse von Erwachsenen zu befriedigen. Darunter fallen sogenannte Posingbilder, bei denen Kinder gezielt in Szene gesetzt werden. Da ist für uns nicht entscheidend, ob diese Bilder noch legal sind, also ob wir sie noch mit „gelb“ einstufen.

Gelb?
Bei „gelb“ sollte man nicht mehr über die Ampel fahren. „Grün“ sind Bilder aus Katalogen oder vom Strand, die ohne sexuelle Intention aufgenommen wurden. Bei „gelb“ werden Kinder gezielt in erotischen Posen gezeigt – diese Bilder zu verbieten, ist sinnvoll. „Rot“ sind klar strafbare Missbrauchsbilder.

Haben sich Männer, die sich in Ihrer Therapie befanden, an Kindern vergangen?
Ja. Und jeder einzelne Fall trifft uns hart, weil unser Ziel die vollständige Verhaltenskontrolle ist. Da hilft uns nur wenig, dass es mehr Übergriffe bei den Männern gab, die auf einen Therapieplatz gewartet haben. In einer Studienauswertung vor ein paar Jahren gab es fünf von 53 behandelten Patienten, die einen Übergriff begangen hatten. In der Wartegruppe waren es drei von 22 – das sind prozentual mehr. Außerdem waren die Übergriffe dort deutlich schwerer und häufiger.


Was passiert mit diesen Patienten?
Wir unterliegen der Schweigepflicht, sonst würden die Männer nicht kommen. Betroffene können die eigene Kontrollfähigkeit falsch einschätzen. Auch wir können uns täuschen. Je mehr wir forschen, desto besser verstehen wir die Patienten, umso genauer die Prävention.

Ausgeschlossen sind Personen, gegen die ermittelt wird oder die Bewährungsauflagen haben. Warum?
Wir wollen vermeiden, dass Menschen zu uns kommen, um vor Gericht besser dazustehen. Das wäre eine Fremdmotivation, es ginge ihnen womöglich nicht so sehr darum, Selbstkontrolle zu lernen. Wer vor Jahren verurteilt wurde, keine Auflagen mehr hat und seine Neigungen aus Angst vor einem Rückfall besser kontrollieren möchte, ist willkommen.

Derzeit wird lautstark über Sebastian Edathy debattiert.
Debatten über Pädophilie sind oft unsachlich, auch weil viele glauben, es sei durch Willenskraft möglich, seine Präferenz zu ändern. Das ist falsch. Warum jemand Erwachsene erregend findet, ein anderer aber Kinder, können wir noch nicht sagen – fest steht, die Präferenz bildet sich im Jugendalter. Und fest steht, die abschreckende Wirkung des Strafrechts ist gering. Pädophile können nur Selbstkontrolle lernen. Gelingt ihnen das, sollten sie die gleichen Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe haben wie alle anderen.

Für Menschen wie Edathy ist es schwer, sich an Sie zu wenden. Wer bekannt ist, muss fürchten, erkannt zu werden.
Bekannten Menschen dürfte es schwerer fallen, sich an uns zu wenden. Das zeigt, die Angst vor Stigmatisierung ist groß. Sie ist so groß, dass mir Personen zu verstehen gegeben haben, es könnte sich bereits rufschädigend auswirken, mit mir in Verbindung gebracht zu werden – selbst wenn bei ihnen kein Problem vorliegt. Dennoch gibt es Männer in exponierter Stellung, die zu mir kamen, oft anonym.

Sie arbeiten mit Medikamenten, die schwere Nebenwirkungen haben. Was muss passieren, damit die Pharmaindustrie bessere Medikamente bereitstellt?
Wir sind froh über die vorhandenen Medikamente. Eine große Rolle spielen antiandrogene Substanzen, die das sexuelle Erleben stark dämpfen, aber dauerhaft genommen werden müssen, woraus erhebliche Nebenwirkungen resultieren. Vielen wäre mit einem kurzfristig wirksamen Medikament geholfen. Doch die Industrie befürchtet Imageschäden, das bereits erörterte Problem: Man will damit nicht in Verbindung gebracht werden. Dabei brauchen wir alle gesellschaftlichen Kräfte, um Opferschäden zu verhindern.

Wie ein Asthmaspray? Aus der Tasche holen, einsetzen, Trieb gehemmt?
Ja, so ähnlich. Ein Beispiel: Ein Musiklehrer unterrichtet einmal die Woche ein Kind, in das er sich verliebt hat. Er würde es vorziehen, genau zu dieser Stunde sein sexuelles Verlangen zu dämpfen statt dauerhaft mit all den Nebenwirkungen. Der Lehrer hatte überlegt, dem Kind abzusagen, was schwer zu vermitteln war, denn er hatte freie Kapazitäten und die Eltern gehören zum Bekanntenkreis.

Sie haben eine Ausnahmegenehmigung, sexuelle Aufnahmen mit Kindern zu betrachten. Wie wirken diese Bilder auf Sie?
Das belastet mich, weil zu sehen ist, was wir verhindern wollen. Schon vor Jahren habe ich angeregt, computergestützte Auswertungsverfahren zu entwickeln. Es wäre technisch machbar, scheiterte bisher aber am Geld.


Bis 2016 wird Ihr Berliner Team vom Bundesjustizministerium gefördert. Sollte Ihre Arbeit auch als Gesundheitsprävention anerkannt werden?
Allerdings. Gesundheitspolitiker könnten umfangreiche Studien in Auftrag geben, damit wir noch genauer wissen, was zu tun ist. Wir werden bessere Therapien anbieten können. Und die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich damit zu befassen, ist zumindest nicht grob ablehnend. In diesen Punkten ist Deutschland weltweit führend. Ich bin zuversichtlich.

Das Interview führte Hannes Heine.




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