Berlin : Berliner Sicherheitspolitik: Fruchtbarer Boden

Katja Füchsel

Es ist ihr Stammplatz. Hier, direkt vor dem Supermarkt, sitzt das Mädchen auf dem Boden, bittet Einkäufer um ein paar Groschen. Schwarze Augenringe, Lederjacke, zerrissene Hose. Drinnen bildet sich an der Kasse eine Schlange, weil ein Obdachloser seine Dose Hansa-Pils gerade mit Ein- und Zweipfennigstücken bezahlt. Die Kassiererin kennt das schon. Sie weiß auch, dass die Verkäufer am Ende des Monats auf den zwei Etagen wieder einmal praktisch unter sich bleiben werden. "Dann haben die meisten Leute hier kein Geld mehr zum Einkaufen."

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Alltag am Kottbusser Tor, Berlin-Kreuzberg. Es ist ein Ort, der dazu geschaffen scheint, den Boden für Politiker wie den Rechtspopulisten Ronald Schill zu bereiten. "Hier muss mal einer hart durchgreifen", schimpft die Frau am Blumenstand. Sie habe es satt. Die Junkies. Die Dealer. Die Säufer. Die Penner. Die sich an jeder Ecke des Platzes herumdrückten. Die sich von einer Razzia bestenfalls "für eine halbe Stunde" vertreiben ließen. Die sich unter einem Mann wie Schill umgucken müssten. Unnachgiebigkeit, fordert die Blumenfrau. "Sonst ändert sich nie was."

Eine ihrer Kundinnen schüttelt den Kopf. "Das sind doch arme Teufel, die niemand etwas tun", sagt die junge Frau. Zwar sei es nicht gerade angenehm, täglich mit einem dutzendfachen Selbstmord auf Raten konfrontiert zu werden, doch mit Härte löse man keine Probleme. Derweil drücken sich nur ein paar Meter weiter zwei Jugendliche am Foto-Fix-Automaten herum. Sie sprechen kurz miteinander, und schon wechselt ein Tütchen den Besitzer. Alltag am "Kotti" ...

Alltag am Hermannplatz. Die Frau im Steg-USA-Jeans-Shop lacht bitter. "Das war vor zwei Jahren noch viel krasser: Da konnte man nicht zur U-Bahn gehen, ohne von drei Dealern angequatscht zu werden." Inzwischen habe sich der größte Teil der Szene in die Hasenheide verlagert. Seit Jahren kreist die Szene um das Kottbusser Tor, den Hermannplatz, die Hasenheide und die Stationen der U 8. Im Jahr kontrolliert die Polizei hier rund 30 000 Personen, schreibt Anzeigen und beschlagnahmt Drogen. "Aus diesem Trott müsste man mal rauskommen", sagt die Frau im Jeansladen. Mit den Rezepten von Schill? "Nee, zu radikal."

Das kann der Apotheker am Hermannplatz überhaupt nicht finden. "Eine Zumutung" seien die Junkies "mit ihren Spritzen", schimpft er. Läge seine Apotheke in Hamburg, hätte er Schill seine Stimme gegeben. Einen von seinem Format würde sich der Apotheker hier "schon für meine Enkelkinder wünschen". Von den Berliner Politikern hält der Mann im Kittel eh nichts. "Die tun nichts und wohnen ganz woanders." Derweil zuckt der braungebrannte Verkäufer nebenan in der Herrenboutique "Manuel" gelangweilt mit den Schultern. Problemgebiet? Sozialer Brennpunkt? "Wir sind seit zehn Jahren hier und haben keine Probleme."

Vielleicht würde er anders reden, wenn er in der Sparkasse am Kottbusser Tor arbeiten würde. Ihr Vorplatz dient den Junkies, an diesem Vormittag sind es etwa 25, als bevorzugter Treffpunkt. Zu ihren Füßen liegen ein paar Hunde, zwischen Bierdosen und Taschentüchern. Vielleicht warten ihre Halter gerade auf die fahrbare Suppenküche, vielleicht auf den nächsten Schuss. Von einem PDS-Plakat lächelt Gregor Gysi herab, darauf steht: "Der will. Der kann."

Kein Wunder, dass die Kreuzberger ihrem Kiez den Rücken drehen. Laut einer Studie wandern rund um die Wiener Straße jährlich 372 von 1000 Einwohnern ab. Zum Vergleich: In Friedenau ziehen 240 weg. Als es den Nachbarn am "Kotti" reichte, haben sie sich zu einer Initiative zusammengetan - alles andere als eine Bürgerwehr, die an Repression und Vertreibung denkt. "Man muss diesen kranken Menschen eine humane und medizinische Betreuung bieten", sagt ihr Sprecher Sükrü Güler, Facharzt für Allgemeinmedizin. "Durch eine Verbesserung der hygienischen Umstände würde auch uns Anwohnern geholfen." Die Gespräche mit dem damaligen Innensenator Eckart Werthebach (CDU) verliefen im Sande, jetzt hofft Güler auf eine liberalere Politik des rot-grünen Senats. "Wir arbeiten dran."

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