Berlin : Berliner sind als Kunden unbeliebt

Banken und Handel benachteiligen Hauptstädter, weil sie grundsätzlich als zahlungsschwach gelten

Ralf Schönball

Banken und Handel benachteiligen Hauptstädter, weil sie grundsätzlich als zahlungsschwach gelten


Egal, was sie wünschen – Berliner müssen in der Regel länger dafür Schlange stehen als andere in Deutschland. Und am Ende zahlen sie mehr oder gehen gar leer aus. Kredite sind für viele Firmen und Verbraucher aus Berlin teurer. Auch bei telefonischen Anfragen hängen Bewohner der Hauptstadt in der Regel länger in der Warteschleife als Kunden aus München. In finanzschwachen Teilen der Stadt, etwa in Wedding oder Neukölln, müssen Verbraucher sogar damit rechnen, dass Angebote von Versandhäusern und Internethändlern für sie nur gegen Vorkasse gelten. Bisweilen werden sie überhaupt nicht beliefert. Auch wenn sie genug verdienen und bisher alle Rechnungen pünktlich bezahlt haben – nur weil sie in der falschen Gegend wohnen.

Dass Berliner schlechter bedient werden als Kunden aus Wachstumsregionen, ist der Wirtschaftskrise in der Stadt geschuldet. Berlin ist bundesweit Spitze bei der Zahl der Insolvenzen und überschuldeten Haushalte. Deshalb bekam die Stadt im „Regionencheck“ der Wirtschaftsauskunftei Creditreform den „Risiko-Indikator 3,62“. Für Geschäfte mit Berliner Firmen gilt ein „hohes Ausfallrisiko“, das weit „über dem Durchschnitt in Deutschland (2,51 Prozent)“ und noch über dem Schnitt in ostdeutschen Regionen liegt. Creditreform empfiehlt Firmen, potenzielle Kunden in Berlin nur mit spitzen Fingern anzufassen. Für Berliner Geschäftsleute und Verbraucher bedeutet das: Weil sie als Risikogruppe gelten, zahlen sie mehr und werden schlechter bedient.

Die meisten privaten Verbraucher erfahren davon nichts. „Online-Banken begründen nicht, weshalb sie einen Kreditantrag ablehnen“, sagt Finanzierungsexperte Max Herbst. Er hat wiederholt Kunden trotz guter Bonität und bester Zahlungsmoral die Billigkredite der Online-Banken nicht vermitteln können. Die Antragsteller waren in einem „Scoring-System“ durchgefallen. Darin werden alle Bewohner Deutschlands anhand von Merkmalen in bis zu acht Risikoklassen eingeteilt: Wer einmal Zinsen oder Rechnungen nicht bezahlt hat und dadurch bei der Auskunftei Schufa eingetragen wurde, rutscht in die K.o.-Kategorie. Davon sind überdurchschnittlich viele Berliner betroffen: Fast 13 Prozent haben einen Schufa-Eintrag, in der übrigen Republik sind es nur sieben Prozent. Auch bei der Mehrheit der „unauffälligen“ Verbraucher gilt der Wohnort Berlin als „Risikomerkmal“.

Bei der Berliner Verbraucherzentrale ist das Phänomen bekannt. Den besonders billigen Kredit einer Bank erhielten nur Menschen, die besonders gute Merkmale aufweisen, sagt Frank Weide. Alle anderen zahlen leicht fünf Prozent extra. Einigen werde der Kredit komplett verweigert.

Diese Behandlung hat Methode. „Das ist gängige Praxis“, sagt der Scoring-Experte Thilo Weichert. Für den Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein ist das nicht nur ungerecht, sondern auch illegal: „Das Bundesdatenschutzgesetz verbietet es, Kreditentscheidungen von Score-Werten abhängig zu machen. Doch daran halten sich viele nicht.“

Das Scoring hat die Verbraucher in eine Klassengesellschaft aufgeteilt. Die Folgen erfährt man bei Service-Hotlines: Wer dort anruft, wird anhand von Vor- und Durchwahl automatisch entsprechend seiner mutmaßlichen Zahlungskraft in die Warteschleife eingereiht. Viele Berliner landen da regelmäßig ganz hinten.

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