Berliner Sozialpolitik : Problemkieze: Verlorene Generationen, abgehängte Stadtteile

Der Senat will die Förderung in Brennpunkten bündeln – Experten halten dies noch nicht für ausreichend.

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Armut
Die im Schatten. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. -Foto: ddp

Armut, Arbeits- und Chancenlosigkeit – diese Probleme ballen sich auf der sozialen Landkarte Berlins in fünf Gebieten. Teile von Kreuzberg, Moabit/Wedding, Spandau, Marzahn/Hellersdorf sowie Neukölln sind tiefrot gefärbt im „Monitoring soziale Stadtentwicklung“, das die Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer vorgestellt hat. Darin steht auch: Der Abstand zwischen guten und schlechten Lagen in der Stadt wächst. Deshalb will der Senat nun die Förderungen bündeln und gezielt in diese Gebiete lenken. Doch Quartiersmanager und Soziologen bezweifeln, dass diese Maßnahmen allein ausreichen.

Rund 50 Millionen Euro stehen jährlich für die „Aktionsräume plus“ zur Verfügung, sagte Senatorin Junge-Reyer. Das seien 20 Millionen Euro mehr als vor zwei Jahren. Allerdings zeigt die Analyse der sozialen Lage, die ebenfalls auf Zahlen von vor zwei Jahren beruht, dass viele schwierige Quartiere viel weniger vom damals noch stabilen Wachstum der Wirtschaft in Berlin profitierten als die besser gestellten Kieze. Und die Auswirkungen der schlechten Konjunkturentwicklung treffen die Brennpunkte besonders hart: Weniger Jobs wegen geringerer Umsätze im Berliner Einzelhandel, fast sieben Prozent weniger Umsatz bei den Industriebetrieben. Nur bei den Dienstleistungen bleibt die Lage stabil – doch oft sind das qualifizierte Jobs, nichts für Menschen in sozialen Brennpunkten.

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Die größte Aufgabe in den Problemkiezen beschreibt Hartmut Häussermann, Verfasser der Studie, so: „Resignation, Versagensängste, Perspektivlosigkeit müssen bekämpft werden.“ Die größte Gefahr bestehe darin, so der Soziologe weiter, dass in den Kiezen eine neue „Unterschicht herangezogen wird“. Und wenn die Wohnlage über Bildungschancen, Wohlstand oder Arbeitsplatz entscheide, drohe Berlin auch ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden.

Quartiersmanager berichten von Kindern, die auf die Frage nach ihrem Berufswunsch, „Hartz-IV-Empfänger“ antworten. Soziales werde vererbt oder erworben. Probleme gebe es, wenn die Eltern ihren Job verlieren oder nie Arbeit hatten und das Leben mit staatlichen Transferleistungen zum Dauerzustand werde. „Wer die Situation dort verändern will, muss deshalb nicht nur auf Baumaßnahmen setzen, sondern sich um die Familien, um die Vorschulen und um die Schulen kümmern“, sagt Häussermann. Und um Ausbildungsplätze. Einfach ausgedrückt, Kinder und Jugendliche müssen von den Straßen und mit ihren Eltern zusammen in die Berliner Gesellschaft zurückgeholt werden.

Die für Stadtentwicklung zuständige Senatorin Ingeborg Junge-Reyer sprach wohl deshalb bei der Vorstellung des Sozialmonitorings davon, „dass diese Quartiere die besten Schulen der Stadt“ bekommen müssten. Auch Bildungs- und Chancengleichheit forderte sie. Doch das beste Mittel gegen die Trennung von bildungsnahen und bildungsfernen Kindern, diese mit Schulbussen gleichmäßig im Stadtgebiet zu verteilen, lehnt sie ab. „Mehr Lehrer habe ich auch nicht gefordert“, stellte sie außerdem klar. Was also will sie?

„Durch die Ausweisung der Aktionsgebiete Plus müssen wir das Geld nicht mehr nur innerhalb einzelner, förmlich festgelegter Fördergebiete ausgeben“, sagt Martina Pirch. Sie ist die Leiterin des neuen Referats „Soziale Stadt“, zu dem nun auch das Ressort „Stadtumbau“ gehört und verfügt über ein Budget von 50 Millionen Euro. Kritiker dieser Minireform in Förderung und Verwaltung nennen das eine „Luftnummer“: Der größte Teil des Geldes komme aus Programmen des Stadtumbaus, der Städtebaulichen Förderung oder des Denkmalschutzes – für die eigentlich erforderlichen, durchgreifenden sozialen Eingriffe stünden nur die bekannten und zu knapp bemessenen Töpfe für „Quartiersmanagement“ und für „Bildung im Quartier“ bereit.

Albrecht Hirsch, beim Senat für die neuen Aktionsräume zuständig, glaubt dennoch an einen erfolgreichen Neuanfang: „Wir haben die Akteure vor Ort, von Quartiersmanagement und Bezirk um Vorschläge und Anregungen dazu gebeten, was getan werden sollte, aber bisher nicht gefördert werden konnte.“ Eine gemeinsame Ideenbörse für alle Gebiete soll da wohl entstehen. Noch ist nicht alles ausgewertet. Aber ein Beispiel ist der Ausbau einer bereits jetzt erfolgreichen Stadtteileinrichtung zur Sprachförderung von Familien in ein größeres Modellzentrum, das sich auch über das Viertel hinaus öffnen könnte. Ein zweites Beispiel: Mit der Polizei habe man „Angsträume“ im Kiez identifiziert, die nun umgestaltet werden, damit Straßengewalt jedenfalls nicht begünstigt wird. Die Kids von der Straße zu holen, wäre dann der nächste, ungleich größere Schritt.

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