Berlin : Berliner sparen ihre Autos kaputt

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Von Annette Kögel

Defekte Bremsen, ausgeschlagene Lenkungen, abgefahrene Reifen: Auf Berlins Straßen sind immer mehr Autos mit erheblichen technischen Mängeln unterwegs. Bei den Überwachungs-Institutionen fielen im vergangenen Jahr 17,1 Prozent aller vorgeführten Wagen wegen erheblicher Mängel durch. Bundesweit waren es 15,2 Prozent. Mitte der 90er Jahre lag die Quote noch bei 11,6 Prozent aller vorgeführten Wagen.

„Das Sicherheitsrisiko auf den Straßen wird größer werden, weil die Leute weniger Geld haben und bei Wartung und Inspektionen sparen“, sagt Joachim Uhlemann vom TÜV Rheinland/Berlin-Brandenburg. „Die Wartungsfristen werden zum Teil erheblich überzogen“, bestätigt auch der Pressesprecher der Kraftfahrzeuggewerbe-Innung, Anselm Lotz.

Ein Blick in die gerade vorgelegte Statistik des Kraftfahrtbundesamtes für das vergangene Jahr zeigt: Die rund 1,4 Millionen in Berlin zugelassenen Pkw sind vergleichsweise ungepflegt und weisen mehr Mängel auf als jene in anderen Bundesländern. Bei den Berliner Überwachungsinstitutionen von TÜV bis TFÜ fuhren 2001 insgesamt 619 162 Wagen auf die Prüframpe. 105 939 bekamen zunächst keine Plakette, sondern wurden gleich Richtung Werkstatt geschickt – und anschließend zur Wieder–Vorführung bestellt. Diagnose: erhebliche Mängel. Und die Anzahl dieser Pkw nimmt zu.

In diese Kategorie fallen nach Auskunft von TÜV-Sprecher Joachim Uhlemann auch Fahrzeug-Umbauten, für die die Autobesitzer nicht die erforderlichen Papiere vorlegen können. „Meistens fallen den Sachverständigen aber Mängel auf, die für den Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer gefährlich werden können.“ Dazu gehören etwa poröse Bremsschläuche, die bei dem erzeugten Druck bersten können – so dass das Auto nicht zum Stehen gebracht werden kann. „Bei Berlinern, die nach Brandenburg gezogen sind, nehmen Fälle von Marderfraß zu“, so Uhlemann. 478 Autos stuften die Kfz-Experten vergangenes Jahr gar als verkehrsunsicher ein – 2000 waren es 462 Wagen. Sie wurden von den Prüfern gar nicht zurück auf die Straße gelassen. Stattdessen werden die Wracks gleich Richtung Werkstatt oder zum Schrottplatz geschleppt.

Unterdessen müssen die Mechaniker in den Berliner Kfz-Werkstätten seltener in die Wartungsgruben klettern. „Die Leute schieben raus, was sie können“, sagt Kfz-Innungssprecher Anselm Lotz. Zwar seien Neuwagen immer weniger wartungsanfällig; und sicher gebe es auch unter den Werkstätten schwarze Schafe, die Ruf und Umsatz der Branche schädigten. „Aber wegen der immer anspruchsvolleren Kommunikationselektronik und Mechanik können die Kunden seltener selbst schrauben – sich den Werkstattbesuch aber wiederum nicht leisten.“ Die Folge: „Das Auftragsvolumen ist zurückgegangen, teils um bis zu einem Drittel. Die Branche leidet.“ Davon betroffen sind derzeit rund 11 600 Beschäftigte in Berlins Kfz-Werkstätten. „Künftig werden noch mehr Berliner ihre Wagen schwarz reparieren lassen“, vermutet Lotz.

Auch dem TÜV-Sprecher Uhlemann bereiten die technisch hochgerüsteten Neuwagen mit ESP, ABS, Airbag und anderer Computertechnik aus Prüfsicht Sorgen – denn dieses Zubehör taucht auf den vom Gesetzgeber festgelegten Prüf-Checklisten noch gar nicht auf. Andererseits sitzen gerade junge Leute hinterm Steuer von Gebrauchtwagen, die naturgemäß mangelbehafteter sind – und die Besitzer sind altersgemäß finanziell eher knapp bei Kasse. Aus diesem Grund spricht sich der TÜV auch dafür aus, die Prüffristen für Wagen, die älter sind als sieben Jahre, von zwei Jahren auf ein Jahr zu verkürzen.

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